Gericht : Nur die Drahtzieher schweigen

Dawid G. (in Handschellen) wird zur Last gelegt, mit seinem Komplizen Tomasz G. mindestens 29 Autos in Deutschland gestohlen zu haben. Das Angebot einer Höchststrafe von dreieinhalb bis fünf Jahren Haft im Gegenzug für ein volles Geständnis lehnen beide bisher ab und schweigen stattdessen.
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Dawid G. (in Handschellen) wird zur Last gelegt, mit seinem Komplizen Tomasz G. mindestens 29 Autos in Deutschland gestohlen zu haben. Das Angebot einer Höchststrafe von dreieinhalb bis fünf Jahren Haft im Gegenzug für ein volles Geständnis lehnen beide bisher ab und schweigen stattdessen.

Polnische Autodiebe heuerten immer wieder Helfer mit finanziellen Problemen an – die nun im Prozess Einblick in ihre Motive geben

svz.de von
15. Juli 2014, 20:30 Uhr

Im September 2013 wurde die Tochter von Lukasz M. geboren. „Sie kam als Frühgeburt zur Welt und wog nur 1700 Gramm. Außerdem hatte sie gleich eine Schilddrüsenkrankheit und Probleme mit dem Herzen.“ Es ist eine rührende Geschichte, die der 34-jährige Angeklagte aus Polen mithilfe seines Anwalts dem Frankfurter Gericht erzählt.

Und sie geht noch weiter: M. habe Geld gebraucht, um die Behandlung seines Kindes bei einem Privatarzt finanzieren zu können. „Bei der Kasse hätte ich vier oder fünf Monate auf einen Termin warten müssen“, wird die Aussage des Polen übersetzt. Das hätte für das Neugeborene schon zu spät sein können.

Diese Geldnot sei auch der Grund gewesen, weshalb Lukasz M. sich an Tomasz G. – einen der Hauptangeklagten im seit einer Woche laufenden Autoschieberprozess – wandte. Doch die 5000 Zloty (umgerechnet 1250 Euro), die ihm G. lieh, hatten ihren Preis. Lukasz M. sollte an den Diebestouren teilnehmen, auf denen Tomasz G. im Verein mit seinem Komplizen Dawid G. Autos in Deutschland stahl. Die beiden G.s brauchten immer einen Fahrer, der die gestohlenen Wagen nach Polen fuhr. Weil im vergangenen Oktober gerade der ebenfalls angeklagte Waldemar L. von der deutschen Polizei verhaftet worden war, wurde ein neuer Kurier gesucht.

Lukasz M. sollte wie seine Vorgänger 1000 Zloty (also rund 250 Euro) für jede dieser Touren erhalten. Bei M. ging es freilich darum, seine Schulden abzuarbeiten. Am Montag berichtete er, wie diese Touren abliefen: Abends sei man aus der Umgebung von Gorzów, aus der die Bande stammt, losgefahren und ab Mitternacht habe man in deutschen Orten Ausschau nach Autos gehalten. Neben den bereits erwähnten Renaults war Tomasz G., der die Einbrüche verübt haben soll, auf Audis, Fords und VW-Transporter spezialisiert. „Als sie mir die Wagen übergaben, steckten nachgemachte Schlüssel im Schloss“, berichtet M. Die beiden G.s seien dann etwa zwei oder drei Kilometer vor ihm gefahren, „und wenn sie ein Polizeiauto sahen, warnten sie mich per Handy, dass ich vorsichtig sein solle“.

Doch die Handys wurden von deutschen Ermittlern bereits überwacht. Am 30. Oktober hatte die Bande einen VW in Ahrensfelde gestohlen, am 4. November einen Ford Laguna in Werneuchen und wieder eine Nacht später einen Renault in Berlin. Bei seiner vierten Tour wurde M. gefasst, sein Vorgänger Waldemar L. hatte es immerhin auf sieben Autos gebracht.


Festgenommen, als der große Hunger kam


Nachfolger Jacek W., der ebenfalls verhaftet wurde, ging bereits beim dritten Mal ins Netz. Der schmächtige 30-Jährige, der noch bei seinen Eltern in einem Dorf lebt, berichtete am Montag, dass ihn Tomasz G. in einer Disco angesprochen habe, ob er nicht Geld verdienen wolle. Dass es um gestohlene Autos ging, will er anfangs nicht geahnt haben. „Als ich dann die aufgebrochenen Scheiben und Schlösser sah, war es schon zu spät“, gab er zu Protokoll. In der Nacht zum 27. November geriet er in eine Polizeikontrolle, sprang aus dem in Ludwigsfelde gestohlenen VW und rannte in einen Wald. Dort versteckte er sich bis zum nächsten Tag, habe dann aber schrecklichen Hunger bekommen und schließlich die Polizei angerufen. Diese nahm ihn fest.

Während die drei Kurierfahrer ihre Geschichten erzählen, nachdem ihnen das Gericht eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt hatte, verweigern die G.s die Aussage. Da ihnen 29 Delikte zur Last gelegt werden, ist mit einer Bewährungsstrafe kaum zu rechnen. Richter Frank Tscheslog appellierte am Montag an die Hauptverdächtigen, sich bis zum nächsten Termin noch einmal zu überlegen, ob sie durch Geständnisse die Strafe mildern wollen.

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