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Blindgänger entschärft : Nummer 159 legt Potsdam lahm

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Erst vor drei Wochen hat ein Weltkriegs-Blindgänger den Verkehr um den Potsdamer Hauptbahnhof lahmgelegt. Am Mittwoch wurde nun erneut eine Bombe entschärft.

svz.de von
erstellt am 07.Jan.2015 | 22:00 Uhr

Morgens um halb acht ist auf den Straßen um Potsdams Hauptbahnhof noch wenig zu spüren. Doch in wenigen Minuten beginnt die Evakuierung des Sperrkreises, in dessen Zentrum sich ein 250-Kilo-Blindgänger befindet. Auto an Auto schiebt sich im Berufsverkehr über die Lange Brücke. Busse und Straßenbahnen sind jedoch deutlich leerer als sonst. Auch die Bahnhofspassagen, sonst voll mit Pendlern, Schülern und Touristen, sind gestern um halb acht fast menschenleer.

Am Montag war die nächste Bombe auf einem Baugrundstück in der Babelsberger Straße entdeckt worden, nur wenige Meter vom Hauptverkehrsknotenpunkt der Landeshauptstadt entfernt. Für die Potsdamer gehören Munitionsfunde schon fast zum Alltag: Erst am 18. Dezember war auf dem selben Gelände ein Blindgänger entdeckt worden. Weil dieser bereits durch einen Bagger bewegt worden war, musste er noch am gleichen Tag gesprengt werden. Dieses Mal sind die Einwohner vorgewarnt, und die 600 Einsatzkräfte und Helfer von Stadtverwaltung, Feuerwehr und Polizei haben mehr Zeit, um die 9700 Menschen, die in der südlichen Innenstadt wohnen oder arbeiten, in Sicherheit zu bringen. Neben Wohnungen, Schulen und Pflegeheimen liegen auch der Campus der Staatskanzlei und der Landtag in dem Sperrkreis.

Wer kein Ausweichquartier gefunden hat, kann in einer der vier Sammelstellen in der Stadt unterkommen. Eine davon ist der Treffpunkt Freizeit unmittelbar am Neuen Garten. Wo sonst Theater- und Sportkurse stattfinden und Hortkinder betreut werden, warten heute rund 170 Menschen darauf, dass sie wieder in ihre Wohnungen zurückkehren dürfen. Rund 90 davon sind Senioren aus der Residenz „Heilig Geist“. Der Saal ist gefüllt mit Rollstühlen und Rollatoren. Die stellvertretende Heimleiterin Diana Liebherr nimmt die Situation gelassen: „Wir kennen das ja schon und wissen, was wir mitnehmen müssen.“ Pflegekräfte beschäftigen die Frauen und Männer. Medikamente und wichtige Unterlagen sind griffbereit, sogar das Küchenpersonal ist mitgekommen. Gerade hat der Freizeitchor „Cantamus“, der einmal pro Woche im Treffpunkt Freizeit probt, die Ausgelagerten mit einem kleinen Programm unterhalten.Sänger Wolfgang Schuboth erinnert sich an die Bombennächte in Potsdam, die er als Siebenjähriger im Holländischen Viertel miterlebt hat. Im Gedächtnis sind ihm vor allem die vielen kaputten Fensterscheiben geblieben und der auf dem Fensterbrett abgelegte Braten für das Wochenende: „Den mussten wir hinterher erst mal suchen, der lag dann auf dem Dach gegenüber.“

Ein paar Räume weiter, im Café und im Kinderclub, halten sich einige Familien auf. Melanie Kelly und vier ihrer Kinder sind schon seit acht Uhr hier. Die Kinder Anna, Rebekka, Patrick und David haben sich die Zeit bisher mit Billard und Dart vertrieben. Jetzt sitzen alle bei Kaffee und Kuchen. Den hat die Familie mitgebracht, denn Anna hat heute ihren 14. Geburtstag. Dass sie ihn in der Notunterkunft feiert, hätte sie sich wohl nicht träumen lassen.

Kurz vor elf Uhr ist die Evakuierung der südlichen Innenstadt abgeschlossen. Nach Angaben der Feuerwehr verlief sie reibungslos. Sprengmeister Mike Schwitzke vom Kampfmittelbeseitigungsdienst kann mit der Arbeit beginnen. Nervös ist er dabei nicht. „Wenn man da schon mit flatternden Hosen hingeht, macht das keinen Spaß“, sagt er nach der Sprengung. Es ist bereits die 159. Weltkriegsbombe, die in Potsdam nach der Wiedervereinigung unschädlich gemacht wird – mit Sicherheit nicht die letzte. Vor allem auf dem Grundstück neben dem Bahnhof schlummert laut Schwitzke noch etliches an Munition.

Schon um 11.36 Uhr ist die Bombe entschärft, der Zünder abgedreht und gesprengt. Der Knall war bis weit in die Innenstadt zu hören. Nach dem Okay von Sprengmeister Schwitzke wird der Sperrkreis wenige Minuten später aufgehoben. Die Anwohner dürfen pünktlich zum Mittag in ihre Wohnungen zurückkehren. Der Spuk ist vorbei – zumindest für dieses Mal.

 

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