Ex-Landtagspräsident : Nie mit der Kutsche zu Effi Briest

„Seit dem 8. Oktober bin ich ein freier Mann.“ Um flotte Sprüche wie diesen war Gunter Fritsch nie verlegen. Jetzt spricht er über das Land und ein neues Brandenburg-Gefühl.

svz.de von
06. Dezember 2014, 09:06 Uhr

„Seit dem 8. Oktober bin ich ein freier Mann.“ Um flotte Sprüche wie diesen war Gunter Fritsch nie verlegen. Die leichte Ironie, mit der der Sozialdemokrat im vergangenen Jahrzehnt oft den Landtag leitete, hat dort so mancher Auseinandersetzung die persönliche Schärfe genommen.

Zwar hat der 72-Jährige zum Ende seiner Amtszeit versprochen, dass er niemanden mit seiner Autobiografie quälen werde. Dagegen, dass man ihn einlädt, um über seine Erfahrungen zu berichten, scheint er sich aber nicht wehren zu wollen. Im Gegenteil: Kürzlich war Fritsch zu Gast im Fürstenwalder „Haus Brandenburg“, das sich besonders der Neumark widmet, die seit 1945 zu Polen gehört. Dafür gab es auch einen biografischen Grund, schließlich wurde Fritsch 1942 in Landsberg, dem heutigen Gorzów, geboren.

Sein Eintritt in die Politik vor einem Vierteljahrhundert bildete den Kern seiner Berichte. Nach dem Wahlsieg der neugegründeten SPD im Kreis Strausberg war er dort „wie die Jungfer zum Kind“ auf den Landratsposten gewählt worden.

„Man sitzt in der Kutsche, fährt übers Land und besucht Effi Briest.“ Diese Fontanesche Vorstellung über das neue Amt sollte sich zwar nicht erfüllen, dafür aber habe die Aufbruchstimmung viel Spaß gemacht. Beispielsweise seien Fischer zu ihm ins Büro gekommen, die sich über Pachtrechte stritten, „dann aber im Gespräch ihre Inte-ressen so ehrlich auf den Tisch packten, dass sich schon nach kurzer Zeit ein Kompromiss finden ließ“.


Ein Brandenburger Wir-Gefühl


Heute wäre dafür „mindestens ein Prozess am Verwaltungsgericht erforderlich“, meinte Fritsch fast sehnsüchtig. Die Bereitschaft zu Veränderungen sei bei den meisten Verwaltungsmitarbeitern sehr groß gewesen, „nur der Umgang mit den Bürgern und der Demokratie musste noch geübt werden“.

Sehr bedeutend sei die Rückkehr Brandenburgs ins Bewusstsein der Menschen gewesen. „Thüringer oder Sachse zu sein, dieses Gefühl gab es ja selbst in der DDR.“ Für die Menschen von der Prignitz bis zur Lausitz sei es dagegen sehr wichtig gewesen, dass Manfred Stolpe und andere damals den Roten Adler und die Hymne „Märkische Heide“ wiederentdeckten. Gerade deshalb waren viele ja auch so sauer gewesen, als im neuen Landtag kein roter Adler, sondern ein „weißes Kunstwerk“ hing.

Die meisten Fragen an den Gast betrafen aber doch die Gegenwart. Warum so wenig gegen die Entvölkerung des Oderbruchs getan werde, andererseits aber anonyme Agrar-Investoren dort riesige Ländereien kaufen könnten, lauteten zwei davon. Fritsch antwortete mit Ironie – „Der Verkehrsminister des Landes ist nicht für mehr Nachwuchs zuständig“ –, aber auch ernsthaft. Wenn etwa der Bund Ländereien verkaufe, die ihm gehörten, könne das Land wenig dagegen tun. Und um die Gesundheitsversorgung auf dem dünner besiedelten Land künftig zu sichern, werde über Telemedizin oder das Schwester-Agnes-Modell nachgedacht. Darauf, seinen Nachfolgern kluge Ratschläge zu erteilen, ließ Fritsch sich nicht ein. Doch wurde er auch nicht danach gefragt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen