Berliner Dungeon : Neuruppiner wird zur Gruselattraktion

Der Neuruppiner „Schlächter“ Carl Gross ist im Berliner Dungeon einer der Protagonisten.
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Der Neuruppiner „Schlächter“ Carl Gross ist im Berliner Dungeon einer der Protagonisten.

Serienmörder haben schon immer eine negative Anziehungskraft auf Menschen ausgeübt. Irgendwie wollen alle wissen, wie derjenige sich überhaupt zu einem Monster entwickeln konnte.

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27. März 2014, 10:32 Uhr

Serienmörder haben schon immer eine negative Anziehungskraft auf Menschen ausgeübt. Irgendwie wollen alle wissen, wie derjenige sich überhaupt zu einem Monster entwickeln konnte. Im Berliner Dungeon, einem modernen Gruselkabinett, kann man diesem Phänomen ein Stück näher kommen.

Mehrere zehntausend Besucher waren schon dort, um sich ganz bewusst menschlichen Abgründen zu nähern und sich das Gruseln zu lehren. Das Berliner Dungeon ist nach Hamburg in Deutschland die zweite Einrichtung dieser Art der britischen Merlin Entertainment Group. International betreibt es weitere Gruselkabinette, zum Beispiel in London, Amsterdam oder San Francisco.

Das Berliner hat vor rund einem Jahr aufgemacht und beschäftigt sich ausschließlich mit dem Grauen aus 700 Jahren Berlin-Brandenburg. Gezeigt werden unter anderem pesterkrankte Berliner, der Geist der weißen Frau, der durch die Katakomben des Stadtschlosses spukt und die bluttriefende Geschichte des aus Neuruppin stammenden Carl Großmann. Insgesamt sind neun Themenshows zu sehen. Neben perfekter Deko, Sound- und Gruseleffekten sind im Dungeon auch professionelle Schauspieler in ziemlich echt wirkenden Kostümen engagiert. „Jede Gruselgeschichte ist von uns minutiös recherchiert und dann hier adaptiert worden“, sagt Dungeon-Manager Marcel Kloos.


Der Besucherzuspruch ist sehr gut


Knapp 15 Millionen Euro hat sich das britische Unternehmen den düsteren Spaß nahe des Hackeschen Markts in Berlin kosten lassen. Derzeit wird auf 2500 Quadratmetern die gruselige Geschichtsshow gezeigt. „Der Besucherzuspruch ist so gut, dass wir in nächster Zeit in Berlin expandieren wollen“, kündigte Kloos an.

Star, wenn man das überhaupt so ausdrücken kann, ist der aus Neuruppin stammende Carl Großmann. Er ist eine der Berliner Schreckensgestalten des 20. Jahrhunderts, erklärt Kloos. Niemand könne genau sagen, wie viele Frauen Großmann auf dem Gewissen hat. Gemunkelt wird von 25 bis 100 Opfern.

Tatsächlich konnte man Großmann nur drei Morde nachweisen, weil man Leichenteile der Frauen in seiner Wohnung gefunden hat.

Großmann wurde 1863 in Neuruppin geboren, machte eine Fleischerlehre. Weil er sich immer wieder an Mädchen und Frauen sexuell verging, landete er schnell hinter Gittern. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, verließ er Neuruppin und tauchte im Berliner Großstadt-Moloch ab. Erst hier soll er dann zum bestialischen Frauenmörder mutiert sein.

Er verdingte sich hier als Fleischer, betrieb am heutigen Ostbahnhof einen Würstchenstand. Erzählungen berichten davon, dass Großmann die Leichen seiner Opfer zu Wurstwaren weiterverarbeitet und an Ahnungslose verkauft haben soll. Die unverwertbaren Reste habe er einfach im Bahnhofsumfeld entsorgt. Allein zwischen 1918 und 1921 sind im Friedrichshain die Überreste von 23 zerstückelten Frauenleichen gefunden worden. Weil damals noch keine DNA-Spuren ausgewertet werden konnten, brachte nur Kommissar Zufall die Ermittler auf die Spur.


Mit blutverschmierter Keule und splitternackt


Im August 1921 drangen aus Großmanns Wohnung spitze Schreie und ein dumpfes Stöhnen. Nachbarn alarmierten daraufhin die Polizei. Weil er nicht öffnete, brachen Polizisten die Wohnungstür auf. Für das, was sie vorfanden, brauchten sie starke Nerven: Mit blutverschmierter Keule stand er splitternackt über eine tote Frau gebeugt. Er hatte sie gerade getötet und wollte sie zerstückeln. Die 35-jährige Marie Nietsche war an Händen und Füßen gefesselt und hatte eine klaffende Kopfwunde. Aufgeklärt konnte Großmanns Mordserie nie, weil er sich in seiner Gefängniszelle erhängte.

Im Dungeon allerdings kommt man dem düsteren Treiben des Massenmörders sehr nahe. Die Besucher tauchen über eine Treppe am Ende der Dungeon-Tour in die Bahnhofswelt nach dem Ersten Weltkrieg ab - schummriges Licht, monotones Lokomotiven-Schnaufen. Am Ende der Treppe lauert der Wurstwarenstand Großmanns. Eine Frau kreischt wie verrückt. Es ist eine Schauspielerin als Marie Nietsche verkleidet, Großmanns letztes Opfer.

Noch erfreut sie sich des Lebens, wirbt mit ihrem Gekreische um Kundschaft. Sie lockt die Besucher dann in die Wohnung Großmanns. Die Gäste werden um einen Tisch platziert. Dann geht das Licht aus und das gruselige Treiben beginnt. Es ertönt die Stimme Großmanns und das Gemetzel startet. „Zu sehen ist absolut nichts. Alles geschieht nur in den Köpfen der Besucher. Wir selbst zeigen keine Brutalitäten“, erklärt Kloos.

Die Stimme Großmanns kommt übrigens vom Band und wird von Schauspieler Sky du Mont gesprochen. Der Massenmörder selbst erscheint nur auf einem Bild in seiner Kammer und grüßt am Ausgang auf dem Fahndungsfoto.

„Das war richtig heftig“, sagt Sergej Wahl. Der Wolfsburger war mit seiner Frau schon im Hamburger Dungeon. „Das Berliner finde ich eine Nummer schärfer.“ Das liege nicht zuletzt an der Großmann-Geschichte. „Hierfür habe ich starke Nerven gebraucht.“


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