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GesammeltE Geschichte : Neue Heimat für Heilpädagogik

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Bundesfachverband richtet in Trebnitz ein Archiv ein. Die Anlaufstelle dient der internationalen Forschung.

Unmittelbar neben der Bildungs- und Begegnungsstätte Schloss Trebnitz (Märkisch-Oderland) entsteht ein internationales Archiv für Heilpädagogik. Es ist Anlaufstelle für jene, die Heilpädagogik studieren oder erforschen. Den Anstoß für das Archiv gab Emil E. Kobi. Der 2011 verstorbene Schweizer gilt als einer, der die Heilpädagogik im deutschsprachigen Raum wesentlich beeinflusst hat. Mit seiner Definition „Ein Kind ist normalerweise durch gestörte Verhältnisse störbar und wird dadurch verhaltensgestört“ widersprach er einst allen Regeln. Er prägte die Ausbildung unzähliger Logopäden und Heilpädagogen, verfasste viele wissenschaftliche Werke, die bei Fachleuten in der ganzen Welt gefragt sind.

„Er hat uns schon vor Jahren ermutigt, das Archiv aufzubauen“, erklärt Wolfgang van Gulijk, Geschäftsführer des Berufsverbandes für Heilpädagogen (BHP) mit Sitz in Berlin. In der Hauptstand habe der Verband, der einzige Berufsverband für Sonder- und Heilpädagogik in Deutschland, vor vier Jahren mit der Archivarbeit begonnen. „Doch wir hatten dort nur einen Raum, der war viel zu klein“, berichtet van Gulijk. Größere Räume seien in Berlin kaum bezahlbar. In Trebnitz, mit der Ostbahn von Berlin aus schnell erreichbar, fand der Verband im einstigen Inspektorenhaus ideale Bedingungen. In dem Gebäude hatte nach dem Krieg eine Kinderkrippe ihr Domizil. Zuletzt beherbergte es Gemeinderäume. Die Stadt Müncheberg, zu der Trebnitz gehört, verkaufte das einst zum Schlossensemble gehörende Gebäude.

Die ersten beiden Räume sind bezogen, das Archiv arbeitet bereits. Eine große Präsens-Bibliothek wird mit dem Abschluss der gegenwärtig laufenden ersten Baumaßnahmen entstehen. „Wir sammeln Bücher und Dokumente zum Thema“, umreißt van Gulijk die Aufgabe des Archivs. Mit dem gesamten Nachlass von Emil E. Kobi habe man einen wichtigen wissenschaftlichen Grundstock.

Seit 1863 gibt es den Begriff der Heilpädagogik. In den Literatur las man zuvor nur die Begriffe Idioten oder Blödsinnige. Das Verhaltensstörungen viele Ursachen haben, spielte keine Rolle. Auch nicht die Verschiedenheit von Störungen, die Einzigartigkeit jedes einzelnes Falles. Anders zu sein genügte über Jahrhunderte, um ausgesperrt und isoliert zu sein. Im Dritten Reich erlebte diese Selektion ihre schlimmste Blütezeit.

In den zurückliegenden Jahrzehnten ist viel geforscht worden. Im Zeitalter der Inklusion kommt den Heilpädagogen größere Bedeutung zu. Mit dem Archiv soll ein Ort geschaffen werden, der die Heilpädagogik in ihrer geschichtlichen Entwicklung umfassend dokumentiert sowie die Vielfalt der Forschung verdeutlicht. Die Praxis in den Handlungsfeldern und die Ausbildung von Berufsangehörigen sollen in Trebnitz ihren Platz finden. „Es kommen wöchentlich Anfragen“, sagt Katharina Paul. Die Germanistin wohnt in Müncheberg, fand durch das Archiv einen interessanten Job.

Rund 5000 Heilpädagogen gibt es in Deutschland. Hinzu kommen Anfragen aus dem Ausland, auch über die „Internationale Gesellschaft heilpädagogische Berufsverbände Europas“, die Mitglied im Förderverein des deutschen Berufsverbandes ist.

„Dank der heutigen Kommunikationsmittel können Anfragen auch vom Dorf aus schnell beantwortet werden“, erklärt Katharina Paul. Das Archiv sammelt neben Literatur Ton- und Filmaufnahmen auch Fachzeitschriften, sichtet historische Dokumente, übernimmt Nachlässe, bietet zudem das Studium vor Ort. Van Gulik verweist auf die Arbeiten von Max Staubesand, der in der DDR das Sonderschulwesen aufgebaut hat. Vielen sei der Mann, der von den Nazis wegen seines Eintreten für seine Schützlinge verfolgt wurde, gar nicht bekannt. Der Sohn überließ dem Verband Bücher, Hefte und Arbeiten von Staubesand.

Mit seiner Etablierung in Trebnitz hat der Berufsverband erstmals in diesem Jahr einen Förderpreis für herausragende Abschlussarbeiten von Absolventen heilpädagogischer Ausbildungs- und Studiengänge ausgelobt. Begonnen hat in Trebnitz auch die Gremienarbeit. Bei Fachsymposien und Fortbildungsveranstaltungen trafen sich Wissenschaftler aus ganz Europa. Geplant ist, dass künftig – nach Abschluss der Baumaßnahmen – Studierende auch über mehrere Tage vor Ort recherchieren können. Emil E. Kobi würde diese Entwicklung freuen. Der Bundesverband gab dem Archiv ihm zu Ehren seinen Namen.

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