Mobile Zahnarztpraxis : Mit der Praxis im Koffer

Seit vier Jahren fährt die Zahnärztin Kerstin Finger durch die Uckermark zu ihren Patienten. Damit ist sie eine der wenigen, vielleicht sogar die einzige mobile Zahnärztin ihrer Art in Deutschland.
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Seit vier Jahren fährt die Zahnärztin Kerstin Finger durch die Uckermark zu ihren Patienten. Damit ist sie eine der wenigen, vielleicht sogar die einzige mobile Zahnärztin ihrer Art in Deutschland.

Kerstin Finger fiel auf, dass immer öfter langjährige Patienten nicht mehr in ihre Sprechstunde kamen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass der Weg in die Praxis vor allem für ältere Patienten auf dem Dorf schlichtweg nicht mehr zu bewältigen ist.

svz.de von
03. November 2014, 12:00 Uhr

Auf Kerstin Fingers Behandlungsstuhl nehmen ganze Familien Platz. Seit 30 Jahren. So lange betreibt die 54-Jährige nun schon ihre Zahnarztpraxis in Templin. Man kennt sich, nimmt in gewisser Weise Anteil am Leben des anderen – ganz so, wie es in ländlichen Regionen wie der Uckermark eben üblich ist.

Und so fiel Kerstin Finger auch auf, dass plötzlich immer öfter zumeist langjährige Patienten nicht mehr in ihre Sprechstunde kamen. Die engagierte Ärztin ging der Sache nach. Dabei stellte sich schnell heraus, dass der Weg in die Praxis vor allem für ältere Patienten auf dem Dorf schlichtweg nicht mehr zu bewältigen ist. Weil sie pflegebedürftig oder in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt sind, aber auch, weil die Verkehrsinfrastruktur den langen Weg zum Zahnarzt zur unüberwindbaren Hürde macht. „Viele Ältere werden zahnmedizinisch gar nicht mehr betreut“, fand Kerstin Finger heraus. „Wenn die Mobilität eingeschränkt ist oder sich Patienten wegen mehrerer Krankheiten gleichzeitig behandeln lassen müssen, dann rutscht der Zahnarzt schnell nach hinten runter.“

Die Ärztin wollte helfen. Und so entstand die Idee eines Hausbesuchsdienstes – ganz so, wie es bei Allgemeinärzten schon lange üblich ist. Bevor das Projekt starten konnte, musste sich die Landärztin ein Auto kaufen und eine mobile Zahnarztausrüstung, verstaut in einem Rollkoffer mit allerlei Schubladen. 50 000 Euro hat sie dafür investiert. Ein Viertel davon bekam sie in Form von Fördergeldern zurück.

Jeden Dienstagvormittag bricht die Zahnärztin nun mit ihrer rollenden Praxis in bis zu 30 Kilometer von Templin entfernte Dörfer in der Uckermark auf. Dank ihrer „kleinen Werkstatt“ hat Kerstin Finger bei ihren Hausbesuchen alles dabei. In ihrem Koffer bringt sie Bohrer und Absauger mit. Selbst ein Notebook, Drucker und ein Kartenlesegerät hat sie dabei, und auch zwei Helferinnen sind stets mit vor Ort.

Am liebsten würde die Ärztin noch öfter unterwegs sein. Ihr Dienst hat sich schnell herumgesprochen, sagt sie. Entsprechend viele Anfragen bekomme die Praxis. Doch so lange ihr das Gesetz eine Art Residenzpflicht vorschreibt, sind mehr Touren nicht erlaubt. Schon am Dienstagnachmittag muss die Alleinkämpferin wieder ihre Praxis in Templin öffnen.

Um die 2300 Hausbesuche hat Kerstin Finger seit dem Start des Projektes im August vor vier Jahren bereits absolviert und dabei etwa 470 Patienten versorgt. Ihr Team erfährt bei den allwöchentlichen Touren viel Dankbarkeit, sagt sie. „Daraus können wir Kraft ziehen.“ Es mache ihr Mut, wenn ihre Patienten dank der Hausbesuche nicht ins Heim müssen, sondern „dort alt werden und sterben können, wo sie hingehören“. Nämlich dort, wo sie zu Hause sind.

Die Uckermark ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen in ganz Deutschland. Seit Jahren schon kämpft der Landkreis mit einem dramatischen Bevölkerungsschwund. Die Jungen ziehen weg. Zurück bleiben die Alten, deren medizinische Versorgung durch die langen Anfahrtswege und das reduzierte Nahverkehrsangebot ein Sorgenkind ist.

Kerstin Fingers Hausbesuchsdienst ist nur einer von vielen Bausteinen, mit denen die Region nun verstärkt versucht, die Lebensqualität seiner Bewohner auch im Alter aufrecht zu erhalten. „Inzwischen hat sich auch auf Bundesebene einiges getan“, beobachtet die Zahnärztin. In der Politik habe ein Sinneswandel stattgefunden. Der Gesetzgeber fördere mehr mobile Dienste. Und Kerstin Finger ist guten Mutes, dass sich in Zukunft noch mehr Ärzte hinters Steuer setzen und zu ihren Patienten fahren.

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