Frauen im Wald : Manche jagen mit lackierten Nägeln

Kennt im Wald vor ihrer Haustür jeden Winkel: Jeanett Krüger aus Wernsdorf mit ihren Hunden.
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Kennt im Wald vor ihrer Haustür jeden Winkel: Jeanett Krüger aus Wernsdorf mit ihren Hunden.

Gleichberechtigung ist in Brandenburg kein leeres Wort. Das hat Jeanett Krüger oft genug erfahren, wenn sie am Oder-Spree-Kanal Enten schoss und sich die Leute darüber beschwerten.

svz.de von
13. März 2014, 18:08 Uhr

„Da hat sich niemand dafür interessiert, dass ich eine Frau bin. Ich war einfach nur die Mörderin“, seufzt die 27-Jährige. Inzwischen geht sie nur noch bei trübem Wetter mit der Flinte ans Wasser, um Ärger zu vermeiden.

Unterhält man sich mit Jeanett­ Krüger darüber, wie es ist, als Frau zu jagen, in eine Männerdomäne mit archaischen Ritualen einzubrechen, führt das Gespräch immer wieder zu jenen Feindseligkeiten, zu verbalen Attacken oder mutmaßlich von Jagdgegnern angesägten Hochsitzen. „Wir ballern nicht wild herum, sondern arbeiten nach strengen Vorschriften“, betont die junge Frau aus dem Kreis Dahme-Spreewald. Die in ihren Augen unbegründeten Vorbehalte gegen die Jagd treiben sie weitaus mehr um als ihr Selbstverständnis als Jägerin.

Die Wernsdorferin steht für einen Trend. Vor 20 Jahren lag der Frauenanteil in der Jägerschaft bei einem Prozent, jetzt beträgt er im Brandenburger Jagdverband sieben Prozent, aber von den Prüflingen im vergangenen Jahr war fast jeder fünfte eine Frau. Tendenz steigend. „Jagen macht Spaß. Da stecken Emotionen drin. Auch die Faszination Waffe spielt eine Rolle, Trauer und Triumph über ein erlegtes Tier.“ So erklärt sich Stephan Elison, Sprecher des Landesjagdverbands, den Aufschwung. Schön sei das. „Wir brauchen neue Mitglieder.“


Auch Frauen töten manchmal gerne


Nathalie Bunke, Leiterin der Landesjagdschule Berlin, rät dazu, sich von Klischees zu verabschieden, um zu verstehen, was läuft. Also zum Beispiel von der Annahme, Frauen hätten Probleme mit dem Töten. Das Gegenteil sei der Fall. „Frauen geben Leben, und sie nehmen Leben.“ Ehrlich sei das, und wer das nicht verstehe, leide unter dem „Bambi-Syndrom“, einer infantil-verklärten Sicht auf die Natur.

„Lieber selber schießen, als Fleisch von unter fragwürdigen Bedingungen gehaltenen Tieren im Supermarkt kaufen“, lautet das Credo von Nathalie Bunke.

Und doch, nicht alle Klischees sind Spinnereien. Klar sei schon, dass Männer in der Regel über die Lust auf Fleisch und die Frauen über ihr Faible für Hunde zur Jagd kommen. Auch würden Frauen ein Stück weit gewissenhafter jagen. „Sie lassen eher mal den Finger gerade, wenn sie sich nicht ganz sicher sind, dass sie gut treffen“, sagt Nathalie Bunke.


Aufgebrezelte Damen auf der Pirsch


Jeanett­ Krüger glaubt, dass Frauen oft besonders ehrgeizig sind, alles sehr gut machen wollen. Sie zum Beispiel erledige vom Schuss bis zur Tiefkühltruhe alles selbst, auch das sogenannte Aufbrechen des Wilds, also das Ausnehmen der erlegten Tiere. Sie liebt es, sich durchs Unterholz zu schlagen, dabei dreckig zu werden, sie verwendet dieselben Flinten wie die Männer. „Nur beim Bergen brauche ich Hilfe. Ein 80-Kilo-Tier kann ich nicht aus dem Mais ziehen“, erzählt die gelernte Försterin, die derzeit auf der Suche nach einem eigenen Revier ist. „Die Jagd ist mein Leben. Mir wurde das in die Wiege gelegt“, erzählt sie. Vater, Opa, Freund und Schwiegervater – alles Jäger.

Ihre Mutter Doreen, die einzige Nicht-Jägerin in der Familie, findet: „Wenn alle unterwegs und in Montur sind, fällt meine Tochter gar nicht auf.“

Ganz einerlei sind die Geschlechter beim Jagen dann aber doch nicht. Nathalie Bunke schwärmt von reinen Frauenjagden, bei denen sie dabei war. Und gern erzählen Bunke und Krüger von gewissen Eigenheiten einiger ihrer Geschlechtsgenossinnen. Nicht überall in Deutschland sei die Jagd eine so bodenständige Angelegenheit wie in Brandenburg. „Neulich war ich in der Pfalz. Da machten Frauen mit, die waren vor der Jagd wie aus dem Ei gepellt und nachher auch. Wie ist das denn möglich?“, fragt sich Jaenett­ Krüger lachend. Denen geht es wohl eher darum, sich zu zeigen, als etwas zu schießen, vermutet die Jägerin.

Die Jagd als gesellschaftliches Ereignis, ja, das spiele in den alten Bundesländern noch oder wieder eine große Rolle, schätzt Nathalie Bunke ein. „Da heißt es dann: ,Oh, meine Zahnarztkollegen machen das. Da darf ich nicht fehlen und mache mal den Jagdschein‘“, berichtet sie amüsiert. Diese Frauen würden dann mit Flinte mitlaufen, ohne das Interesse am Schießen. Dann gebe es die Frauen, die sich vor und nach der Jagd umziehen, stark geschminkt durch den Wald laufen. „Für mich passt das nicht, aber so sind nun mal viele Frauen.“ Andere würden sich die Fingernägel extra rot lackieren – und dann den Spruch bringen: „Damit man das Blut nicht so sieht.“

Ganz uneitel sei sie selbst aber auch nicht, betont Nathalie Bunke. „An schicken Klamotten für jagende Frauen mangelt es“, kritisiert die Jägerin aus Berlin-Lankwitz.

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