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Eltern für einen gewissen Lebensabschnitt: : Mama und Papa auf Zeit gesucht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Pflegefamilien sind eine Alternative zu einer Heimunterbringung. Die Verhältnisse, aus denen die Kinder kommen, sind sehr unterschiedlich.

Zwei Spielzeugautos krachen aufeinander. „Tatü-Tata“, ruft das zweijährige Mädchen und schaut zu Uwe Becker. Er sitzt mit ihr vor einem Spielparkhaus in einem Kinderzimmer. Neben ihm spielen zwei Jungs. Der 53-Jährige ist Papa - auf Zeit. Der Welzower und seine Frau Helga sind Pflegeeltern. Die drei Kinder kamen aus anderen Familien und wurden vorübergehend in ihre Obhut gegeben. Die Beckers wissen: Jeden Tag kann sich die Zusammensetzung ihrer Pflegefamilie ändern.

Und doch versuchen sie, so viel Normalität wie möglich in den Alltag zu bringen, wie beide sagen. In Brandenburg werden vielerorts Pflegeeltern gesucht. Pflegefamilien sind eine Alternative zu einer Heimunterbringung. Die Verhältnisse, aus denen die Kinder kommen, sind sehr unterschiedlich, wie die Leiterin des Sozialen Dienstes im Landkreis Spree-Neiße, Rita Tietz, erläutert. „Wenn Eltern gestorben sind oder plötzlich krank werden.“ Es gebe aber auch andere Gründe wie etwa Vernachlässigung, Sucht bis hin zum Missbrauchsverdacht.

Das Prinzip einer Pflegefamilie sei es, darauf hinzuarbeiten, dass ein Kind wieder in seine alte Familie zurückkehren kann - Härtefälle ausgenommen. In Pflegefamilien sollen sie laut Tietz bis dahin Geborgenheit bekommen und Vertrauen schöpfen. Helga Becker sagt scherzhaft über sich selbst: „Ich bin einfach eine Glucke.“ Für Kinder da zu sein, sei der schönste Job der Welt, erzählt die 55 Jahre alte Hausfrau.

Ihr Haus in Welzow südlich von Cottbus ist gemütlich eingerichtet, es gibt viele Spielsachen. „Viele Dinge sind noch von unseren Kindern.“ Die sind erwachsen und längst aus dem Haus. Im Obergeschoss ist eine Kinderlieder-CD zu hören. „Alles auf Englisch“, ruft der größere Junge stolz. Die beiden kleineren Kinder sind seit einigen Monaten bei den Beckers, der ältere Junge schon seit zwei Jahren. „Es werden fast eigene Kinder“, beschreibt es die Pflegemutter.

Der Landkreis Spree-Neiße ist ständig auf der Suche nach neuen Pflegeeltern. Gleiches melden andere Regionen wie die Landkreise Oberspreewald-Lausitz, Oder-Spree, Uckermark, Elbe-Elster oder die Stadt Potsdam. Teilweise starteten sie schon Flugblattaktionen oder bieten Info-Abende an. In Brandenburg gab es im Frühjahr 2013 laut Jugendministerium 1616 Pflegefamilien mit mindestens einem Pflegekind.

Auf einen einzigen Grund lässt sich der Bedarf nicht zurückführen. Im Spree-Neiße-Kreis sind die Zahlen der Pflegeeltern mit jährlich etwa 120 und der zu betreuenden Kinder mit etwa 110 bis 140 zwar relativ stabil, wie Tietz sagt. Aber: „Der Teil der Kinder, die länger als zunächst geplant bei einer Pflegefamilie leben, nimmt zu.“

Im Elbe-Elster-Kreis wird seit Jahren das Prinzip Pflegefamilie dem der Heimunterbringung vorgezogen, wie ein Kreissprecher sagt. Deshalb steige der Bedarf an Pflegeeltern. Momentan seien 166 Kinder in Pflegefamilien untergebracht, und 95 in Heimen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz wiederum versucht, den Pool an Pflegeeltern möglichst groß zu halten, um genügend Auswahlmöglichkeiten zu haben. Ziel sei es, Kinder in passende Familien zu integrieren. „Diese optimale Ansprache und Vermittlung kann nur gelingen, indem sich möglichst viele Personen bereit erklären, einem Kind ein vorübergehendes, liebevolles und vertrauensvolles Zuhause zu geben“, sagt Sozial-Dezernent Alexander Erbert.

Letztens waren die Beckers mit den drei Pflegekindern in Italien im Urlaub. Mit dem Campingwagen, der am Haus geparkt ist. Vorher ließen sie noch drei Stockbetten einbauen. Helga Becker holt Fotos hervor. Die hätten sie auch den Herkunftsfamilien geschickt, damit sie immer über alles informiert seien.

Die Zusammenarbeit zwischen den Familien sei sehr wichtig, sagt die Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes im Spree-Neiße-Kreis, Nicole Huckauf. „Das läuft nicht in jeder Familie gleich, weil schnell Eifersucht entstehen kann.“ Huckauf betreut die Beckers, wenn Fragen aufkommen.

Und wie reagierte das Umfeld, als die Beckers sich vor mehr als zwei Jahren dazu entschieden, Pflegeeltern zu werden? Ihre Familie, der Freundeskreis und die Nachbarn durchweg positiv, sagt die 55-Jährige. Auch im Kindergarten und in der Schule wüssten alle Bescheid. Den ein oder anderen irritierten Blick hätten sie im Urlaub aber dann doch kassiert, sagt Uwe Becker und muss lachen. „Wenn die Kinder uns Papa oder Mama genannt haben. Die Leute dachten bestimmt, die zwei alten Schachteln?“

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