Mars One : Märker will auf Mission ohne Wiederkehr

Fern der Heimat: So sollen nach den Vorstellungen der Ingenieure im Team von „Mars One“ die Unterkünfte auf dem Roten Planeten aussehen. Fotos:  Mars One/Henning Kraudzun
1 von 2
Fern der Heimat: So sollen nach den Vorstellungen der Ingenieure im Team von „Mars One“ die Unterkünfte auf dem Roten Planeten aussehen. Fotos: Mars One/Henning Kraudzun

Denis Newiak bewirbt sich als einer von rund 1000 verbliebenen Kandidaten um eine Expedition zum Mars. Setzt er sich durch, reist er im Jahr 2025 zum Roten Planeten – ohne Rückflug.

svz.de von
26. März 2014, 11:12 Uhr

Denis Newiak bewirbt sich als einer von rund 1000 verbliebenen Kandidaten um eine Expedition zum Mars. Setzt er sich durch, reist er im Jahr 2025 zum Roten Planeten – ohne Rückflug.

Er zeigt fast schon ein Astronautenlächeln. Denis Newiak streckt die Hand zum Gruß entgegen, seine Gesichtszüge entspannen sich, sein Mund lächelt. Autorität und Ruhe strahlt der 25-jährige Student aus Potsdam aus, der auch eine Karriere als Politiker starten könnte. SPD-Mitglied ist er immerhin. Aber Newiak will höher hinaus, er will zum Mars.

Ein Sozialdemokrat auf dem Roten Planeten – eine schöne Vorstellung. Newiak lacht. „Ich glaube nicht, dass sich diese Mission parteipolitisch vermarkten lässt. Aber für mich hat sie eine große politische Dimension“, sagt der Potsdamer. Im Mittelpunkt stehen für ihn wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen. Die Expedition, so das Konzept von „Mars One“, soll Lösungen für drängende Probleme auf der Erde liefern.


Lösungen für drängende Probleme auf der Erde


Das Projekt des Niederländers Bas Lansdorp verfolgt das Ziel, eine kleine Kolonie auf dem unwirtlichen Planeten zu gründen. 24 Astronauten sollen in mehreren Etappen dort hingeflogen werden; eine Tour dauert neun Monate. Vor ihnen landen Roboter: Sie sollen spezielle Unterkünfte aufbauen, die dann beim Eintreffen der Menschen bezugsfertig sind. Der Haken dabei ist: Die Marsfahrer werden nie zurückkehren. Sie sollen bis zu ihrem Tod auf dem bis zu 400 Millionen Kilometer entfernten Planeten leben und forschen, wo es fast zu jeder Zeit bitterkalt ist. Kameras in der Station sollen ihr Dasein aufzeichnen und an irdische TV-Stationen senden. Spötter behaupten, dies sei „Big Brother XXL“.

Doch das Ziel scheint noch Lichtjahre weg. Sechs Milliarden Dollar beträgt das Budget, das über Sponsoren und Vermarktungsrechte zusammenkommen soll. Kritiker sagen, dies sei viel zu knapp bemessen. Die US-Weltraumbehörde NASA hatte geschätzt, eine bemannte Erkundung des Mars würde in einem Zeitraum von 30 Jahren rund 500 Milliarden kosten.

Zudem ist kaum erforscht, wie Astronauten während des Langzeitfluges die kosmische Strahlung verkraften würden. Hinzu kommen die Auswirkungen der Schwerelosigkeit, die unter anderem Muskeln und Kreislauf zusetzt. Auch das Zusammenleben auf engstem Raum birgt genügend Zündstoff: Die Teilnehmer müssten psychologische Wunderdinge vollbringen. Forscher der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben daher große Zweifel, ob das Projekt funktionieren kann.

Viele technische Details seien noch nicht geklärt, sagt Tilman Spohn, Leiter des DLR-Instituts für Planetenforschung. „Im Moment sehe ich keine bemannte Marsmission. Der Starttermin der Initiative erscheint mir unseriös.“ Er äußert auch ethische Bedenken: „Man würde den Astronauten ein Lebenslänglich auf dem Mars verpassen, das ist nicht zu verantworten.“ Die großen Risiken für die Teilnehmer hat selbst muslimische Religionswächter auf den Plan gerufen. Eine Behörde der Vereinigten Arabischen Emirate erließ kürzlich eine Fatwa, die Muslimen verbietet, sich an der Mission zu beteiligen.

Newiak kann die Bedenken verstehen, aber er denkt optimistisch. „Es gab schon immer Zweifel am technischen Fortschritt. Als die ersten Schnellzüge gebaut wurden, dachten viele, dass es den Menschen wegen der Geschwindigkeit die Köpfe abreißen wird“, nennt er ein Beispiel.


Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig


„Es gibt im Alltag auch viele Risiken, allein schon als Autofahrer.“ Auch die Sorgen seiner Eltern und Freunde, die er als One-Way-Astronaut nie wiedersehen würde, sind für ihn nachvollziehbar, aber sie könnten ihn nicht umstimmen.

„Ich wollte schon immer wissen, was unsere Welt zusammenhält“, sagt der Hobby-Astrophysiker. Die gefährliche Reise sei eben der Preis für seinen Forscherdrang. Der angehende Filmwissenschaftler erhofft sich etwa Antworten auf die Fragen, ob Menschen ohne Hierarchien völlig autark leben können, in der Lage sind, sich medizinisch selbst zu versorgen, Pflanzen züchten, die sie essen, mit knappen Wasserressourcen umgehen, mit wenig Mitteln Energie erzeugen. „Es gibt Gegenden auf der Erde mit schlechteren Bedingungen“, sagt er.

Ende Dezember wurde Newiak mitgeteilt, dass er die erste Runde des Auswahlverfahrens überstanden hat. 200 000 Bewerbungen gingen bei „Mars One“ ein. „Ich hatte gerade eine Pause an der Endhaltestelle, als die Nachricht kam“, sagt er. Newiak verdient sich nebenbei etwas Geld als Straßenbahnfahrer. Seinem Kollegen wäre er fast um den Hals gefallen. Gut gerüstet fühlt er sich, um auch die zwei weiteren Runden zu meistern. Sport kommt bei ihm nicht zu knapp: Er geht regelmäßig ins Fitnessstudio und in die Schwimmhalle, zudem ist er leidenschaftlicher Standardtänzer. Das Zertifikat als Einsatzsanitäter könnte ebenfalls für die Mission nützlich sein.

Er raucht nicht – noch nie eine Zigarette, und rührt keinen Alkohol an. Demnächst wird er vor ein Konsortium geladen, das ihm viele Fragen stellt. In Holland stehen auch weitere ärztliche Checks an, zudem sind erste Härtetests geplant. Danach folgt ein Voting im Internet und im Fernsehen. Die verbliebenen 40 Kandidaten aus verschiedenen Staaten, die Hälfte davon Frauen, sollen dann ab 2015 mit dem Vollzeittraining beginnen. Immer wieder wurde Newiak gefragt, ob er wirklich alles zurücklassen würde, womöglich die eigene Frau und Kinder. Der Kandidat äußert sich ganz diplomatisch: „In der jetzigen Situation würde ich keinen Rückzieher machen. Ich bin ungebunden und niemanden Rechenschaft schuldig“, betont er. Traurig wäre er freilich, wenn er aussortiert würde.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen