Haltestelle Woodstock : Liebesgrüße von der Tigerdame

Hoch hinaus: Auf dem Gelände der Haltestelle Woodstock können Besucher in ein Riesenrad steigen und das weitläufige Areal überblicken. Noch bis Sonntag laden die Veranstalter in Kostrzyn zu Musik und unbeschwertem Leben ein.
Hoch hinaus: Auf dem Gelände der Haltestelle Woodstock können Besucher in ein Riesenrad steigen und das weitläufige Areal überblicken. Noch bis Sonntag laden die Veranstalter in Kostrzyn zu Musik und unbeschwertem Leben ein.

Noch bis zum Sonntag findet in Kostrzyn an der Oder die 21. Ausgabe des Hippie-Festivals Haltestelle Woodstock statt. Zu Gast sind rund 700 000 Besucher aus Polen, dem Rest Europas und sogar Brasilien.

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01. August 2015, 08:00 Uhr

Ein junges Mädchen im tigergemusterten Ganzkörperanzug steht zwischen Dixi-Klo-Reihen und verschenkt Umarmungen an wildfremde Menschen. „Free Hugs“ (freie Umarmungen) steht auf dem Pappschild, das sie in die Höhe reckt. Ein Angebot, das im normalen Alltag zumindest für Stirnrunzeln sorgen würde. Im Hippie-Kosmos von Haltestelle Woodstock wird es dankend angenommen.

Zwei langhaarige Männer tauschen sofort innige Umarmungen mit der Tigerdame aus. Danach folgt sogar noch eine größere Gruppe, die alle gedrückt werden wollen. Einer von ihnen hat sich als Krokodil verkleidet. Und so kann man zwischen tausenden von Menschen, unweit der riesigen Hauptbühne, auf der das Festival-Motto „Peace, Love & Music“ prangt, ein Krokodil dabei beobachten, wie es einer Tigerdame um den Hals fällt. Es ist eine typische Szene für das Hippie-Festival Haltestelle Woodstock, dessen 21. Ausgabe dieses Wochenende in Küstrin gefeiert wird. Hunderttausende Besucher sind auf das gigantische Festival-Gelände gekommen, um vier Tage Freiheit zu genießen. Das heißt: Schlammschlachten, Bungeespringen, aber auch gemeinschaftliches Meditieren. Dazu Konzerte von mehr als 70, hauptsächlich polnischen, Bands. Doch wegen der Musik allein kommen die wenigsten. Es ist die Atmosphäre, die Haltestelle Woodstock ausmacht.

Das fängt schon bei der Philosophie der Veranstalter an: So gibt es weder Sicherheitsschleusen noch einen Zaun um das Gelände. Vertraut wird stattdessen auf die Empathie der Besucher und eine „Peace Patrol“ aus Freiwilligen. Auch bei der Kommerzialisierung hebt sich Haltestelle Woodstock von anderen Festivals ab: Eintritt und Camping auf dem Gelände sind wie immer kostenlos. Bier gibt es für vier Zloty (etwa 95 Cent) pro Büchse. So findet sich eine Gemeinschaft aus unterschiedlichsten Menschen auf dem Festival zusammen.

Bei einem Fußmarsch durch die Händlermeile, wo Batik-Kleidung und Bob-Marley-Flaggen verkauft werden, kann man Punks mit hochgestylten Irokesen-Frisuren im Gespräch mit langhaarigen Metal-Heads beobachten. Nebenan meditieren Hare-Krishna-Anhänger vor einem hinduistischen Schrein und üben diverse Yoga-Stellungen. Es wirkt, als hätte sich das komplette alternative Leben in Polen auf dem Woodstock versammelt. „Man trifft dort die verrücktesten Leute aus allen möglichen Subkulturen“, erzählt Reinhold Slomma aus Berlin, der bereits zum vierten Mal das Festival besuchte. Das gilt auch für die Kostümierungen: Micky Mouse stolziert über das Festival-Gelände ebenso wie Gandalf, der Graue – dazu haben sich etliche Besucher Tierverkleidungen besorgt. Wer kein besonderes Outfit mitgebracht hat, kann sich in speziellen Farbkabinen besprühen lassen. Ein Mann trägt sogar das allgegenwärtige Peace-Zeichen einrasiert am Kopf.

Bei so viel Tohuwabohu fällt es leicht, loszulassen. Die Stimmung ist vor allen drei Bühnen großartig und friedlich. Überall sieht man, wie wildfremde Menschen miteinander tanzen, anstoßen und ins Gespräch kommen. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz von Küstrin herrscht eine positive Anarchie. „Die Menschen sind extrem freundlich und achten aufeinander, das hat man im normalen Leben sonst nicht“, findet Krystian Bednarski. Der 25-jährige Elektriker aus Wloclawek, das zwei Stunden nordwestlich von Warschau liegt, war schon am Dienstag angereist und zum dritten Mal bei Haltestelle Woodstock dabei.

Premiere ist es dagegen für Karolina Jach aus Mikulice, einem kleinen Dorf bei Lodz, die sich überrascht von der unterschiedlichen Herkunft der Festival-Besucher zeigt: „Ich habe mich mit Menschen aus Tschechien, Deutschland, Schweden, Frankreich und sogar Brasilien unterhalten“, erzählt die Architekturstudentin. „Meine Fremdsprachenkenntnisse und mein kulturelles Verständnis haben sich dieses Wochenende stärker verbessert, als durch jeden Uni-Kurs“, sagte die 21-Jährige.

Selbst die großen Namen unter den auftretenden Bands zeigen sich beeindruckt von dem Erlebnis in Küstrin. So verkündet James LaBrie, Sänger von Dream Theater, der bekanntesten Band auf dem diesjährigen Spielplan, bei seinem Konzert in der Nacht zum Freitag: „In den 25 Jahren seit ich um die Welt toure, habe ich so etwas wie hier noch nie erlebt.

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