Parks und Ziergärten : Liebesgabe an Brandenburg

Schloss Fürstlich Drehna sieht mit seinem Park immer noch so lauschig aussieht wie auf erhaltenen alten Bildern, ist heute ein Hotel.
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Schloss Fürstlich Drehna sieht mit seinem Park immer noch so lauschig aussieht wie auf erhaltenen alten Bildern, ist heute ein Hotel.

Mehr als 30 Jahre erforschten Folkwart und Folkwin Wendland Parks und Ziergärten von der Niederlausitz bis zur Prignitz

svz.de von
22. September 2015, 10:33 Uhr

Was Folkwart Wendland unaufgeregt „mein Buch“ nennt, ist etwa 15 Kilogramm schwer, über 2500 Seiten dick, enthält mehr als 3000 Abbildungen und verteilt sich auf fünf Bände. „Gärten und Parke in Brandenburg“ heißt dieses massige Konvolut, das gerade im Lukas Verlag erschienen ist und am 24. September in der Berliner Nikolaikirche prominent vorgestellt wird. Manfred Stolpe soll dann mit auf dem Podium sitzen und Ulli Zelle moderieren.

Verleger Frank Böttcher möchte dieses Kompendium nicht leise in den Markt gleiten lassen. Weil weder zu Brandenburg noch zu einer anderen deutschen Region je etwas Vergleichbares erschienen ist. Böttcher nennt die fünf Bände „eine Liebesgabe an Brandenburg“.

Man muss sich die Dimension dieses Projektes genau vor Augen halten: Seit Ende der 70er-Jahre reisten Folkwart und sein Vater Folkwin Wendland durch die ehemalige preußische Provinz Brandenburg – also auch durch die heute polnische Neumark –, um zu katalogisieren, wo es einmal welche Herrenhäuser, Parkanlagen und Ziergärten gab.

Sie haben sich in Archive vergraben und nach altem Kartenmaterial, Gutsunterlagen, Briefen und Urkunden gesucht. Alles in ihrer Freizeit. Sie haben ihre Familien eingespannt. Folkwart Wendland sagt, als seine Söhne kleiner waren, hätten sie jedes Wochenende gefragt: „Papa, noch ein Schlösschen?“ Die Familie nahm es hin, dass die beiden Wendlands in ihr Projekt eine Summe investierten, von der sie ein Häuschen auf dem Lande hätten kaufen können.

Für Folkwart Wendland gibt es nichts zu bereuen. Er hat mit seinem Vater, der vor neun Jahren starb, ein Standardwerk geschaffen, das zu veröffentlichen eigentlich Aufgabe eines wissenschaftlichen Institutes hätte sein müssen. Aber es fühlte sich außer den beiden niemand dazu berufen.

Dabei geht es bei ihnen nicht nur um Bäume, Büsche, Teiche, Beete. Ihre fünfbändige Ausgabe ist eine sozialgeschichtlich eingefärbte Biografie des ländlichen Brandenburgs geworden. Sie erhellt, warum wir heute so gern von brandenburgischen Kulturlandschaften reden. Es gibt keine andere Arbeit, die derart tiefgründig und umfassend das Gewordensein des ländlichen Brandenburgs bis in den verstecktesten Winkel hinein ausleuchtet. Neuhardenberg, Branitz, Potsdam kennt man als Vorzeigeparklandschaften.

Aber wer weiß schon, dass es um das Gut Solikante he-rum auch Verschönerungsversuche gab? Solikante – das klingt nach Italien, versteckt sich aber zwischen Seelow und Wriezen in den Feldern des Oderbruchs.

Oder Hohen Landin in der Uckermark, eines der vielen traurigen Kapitel der Wendland-Bände. Es jammert einen, steht man vor dem großen Schloss, dessen Dächer eingefallen sind und aus dessen brüchigem Bauch die Bäume durch die längst zerborstenen Fenster wachsen. Seit 1979 steht das Schloss leer, das einmal zu den repräsentativsten Herrenhäusern der Uckermark gehörte.

Der Berliner Verleger Alexander Duncker, der wegen der von ihm veröffentlichten Grafiksammlung preußischer Schlösser berühmt wurde, lobte Hohen Landin vor 150 Jahren als „lieblichen Aufenthalt“ und meinte damit ebenso den Park ums Schloss, den Peter Joseph Lenné entworfen hatte und der zu einem kleinen Teil erhalten ist. „Park und Herrenhaus muss man immer als gestalterische Einheit sehen“, sagt Folkwart Wendland.
Diese Einheit prägte viele Jahrhunderte das Gesicht des ländlichen Brandenburgs, das sich immer wieder änderte. Strenge Formen wurden von unverkrampfter Gestaltung abgelöst, mal wurde das Intime, dann wieder das Weitläufige betont.

Gärten und Parklandschaften blieben den sich ändernden Moden unterworfen. Mitte des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel der englische Stil total angesagt. Weshalb Hohen Landin auf alten Stichen wie die perfekte Kulisse für einen Rosamunde-Pilcher-Film ausschaut.
Wer hat sich so etwas ausgedacht? Es waren nicht nur Park-Genies wie Lenné und Fürst Pückler. Hier und da sind die Eigentümer ihre eigenen Landschaftsarchitekten gewesen. Pückler, das zeigen die Wendlands sehr gut, war nicht der einzige gesellschaftliche Exponent mit einem grünen Daumen.

Zwei Generationen vor ihm ließ Otto Christoph Graf von Podewils das Areal hinter dem bei Seelow gelegenen Schloss Gusow erblühen und schuf einen der schönsten barocken Lustgärten im Osten Brandenburgs. Er hat sich für die Anlage von Londoner Pflanzenbörsen beliefern lassen, korrespondierte mit den wichtigen Gartenexperten seiner Zeit, studierte den Gartenbau wissenschaftlich, pflanzte exotische Gehölze.

Fremde Bäume, erklären die Autoren, führte Podewils nicht nur als Zierrat ein. Er teste auch ihren wirtschaftlichen Nutzen. Die herrschaftlichen Gärten seien immer beides gewesen: Nutz- und Ziergarten, sagt Folkwart Wendland. Er nennt das eine „uralte Dualität“.

Bis zu den Klöstern lasse sich das zurückverfolgen, auf die die älteste greifbare Gartenkultur in den hiesigen Breiten zurückzuführen sei. In der vorzüglichen Einleitung im ersten Band haben die Autoren den fast 1200 Jahre alten klösterlichen Musterplan von St. Gallen doppelseitig abdrucken lassen. Da sieht man: Jeder Abtei wurde vorgeschlagen, mehrere Gärten anzulegen. Einen, um den der Kreuzgang führte und welcher der inneren Einkehr diente, einen Garten für Heilkräuter, einen für das Gemüse und eine Obstplantage, die gleichzeitig Friedhof war.

Von den mittelalterlichen Klostergärten hat sich in Brandenburg keiner erhalten. Auch aus der Renaissance finden sich in der Mark und in der Niederlausitz keine Beispiele mehr. Aber ein sehr schöner barocker Klostergarten existiert hierzulande: der von Neuzelle. Er wurde in den vergangenen Jahren Stück für Stück restauriert. Wendland sagt, da sei Wunderbares gelungen.

Nun schreiben die Autoren allerdings, dass jeder Ziergarten und jeder Park nichts Dauerhaftes sei. Nicht nur, weil dort ständig etwas wächst und vergeht, sondern weil sich die Geschmäcker ändern, wie die Natur in Form zu bringen ist.

Scheint es da nicht verwegen, barocke Urmuster wieder herzustellen? Wendland meint, gerade in Neuzelle wäre das konsequent, weil die barocke Struktur kaum überformt wurde.

Schwedt ist das genaue Gegenteil. Der Stadt widmen die Wendlands eines der umfangreichsten Kapitel, gerade weil sich dort von den einst zauberhaften barocken Lustbarkeiten nur ein Hauch erhalten hat.

Bemühungen, etwas von der historischen Landschaftsgestaltung zu reaktivieren, gibt es einige in Brandenburg. Fürstlich Drehna sieht fast wieder so aus wie auf den alten Grafiken Dunckers. In Altdöbern blüht und wächst es üppig vor der gerade rekonstruierten Orangerie, die jetzt ein Café ist.

Wendland sagt, man dürfe über diesen Beispielen nicht vergessen, dass es in Brandenburg vielerorts am Bewusstsein mangele, dass historische Parkanlagen kontinuierlicher Pflege bedürfen. Darauf hatte schon sein Vater immer wieder drängend hingewiesen.

Folkwin Wendland war Gartenarchitekt und -historiker, hat bei der Rekonstruktion historischer Gartenanlagen in Berlin, Rheinsberg und Weimar mitgearbeitet und seinen Sohn mit dem Gartenvirus infiziert. Der ist eigentlich Geologe und Wissenschaftshistoriker von Beruf und mittlerweile seit 13 Jahren Rentner.

Seit dieser Zeit ist er damit befasst, aus dem gesammelten Material ein Buch zu machen. Es drängte ihn, zu einem Ende zu kommen. Er sei jetzt 78 und habe schon Angst bekommen, er würde die Veröffentlichung nicht mehr erleben.

Bleibt noch die Frage, welcher Park ihn im Laufe der Recherchen am meisten überraschte. Dahlewitz, sagt Folkwart Wendland. Für ihn ganz unerwartet sei ein Entwurf dieser Anlage aufgetaucht, den der Gartenexperte Hans Hallervorden gezeichnet hatte – Didi Hallervordens Großvater.

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