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Leichen pflastern seinen Weg

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Jörg Semmler ist einer der dienstältesten deutschen Rechtsmediziner und hat auf seinem beruflichen Weg so manch Schauderliches erlebt

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2014 | 15:42 Uhr

Der silberfarbene Seziertisch in der Mitte des Raumes wirkt beinahe unscheinbar. Ein bisschen zerkratzt. Zwei mal einen Meter groß, zwei Abläufe an den Enden – ein Billardtisch, dem man den Teppich abgezogen hat. Ein Skelett. Geputzt. Steril.

Hunderte Leichen hat Jörg Semmler schon auf diesen Tisch gelegt, musste das Blut mühsam von der Edelstahloberfläche kratzen, wenn er mit der Obduktion fertig war. Hier, in der Potsdamer Rechtsmedizin, draußen vor der Stadt, nicht weit vom Schloss Sanssouci, lief das meistens so: Jörg Semmler trennt die Schädeldecke auf, nimmt das Gehirn heraus, wiegt es, macht Messungen. Dann sind Brust- und Bauchhöhle dran. Aufschneiden, begutachten, wiegen, messen, prüfen. Schema F. Oder besser gesagt Schema 89 der Strafprozessordnung. Die regelt den Ablauf, an den man sich auch in Potsdam hält. Immer.

Abgewichen wird nur, wenn was fehlt. Der Kopf zum Beispiel. Jörg Semmler hat das oft genug erlebt. Er ist mit 62 Jahren der „Alte hier“, sagt er selbst. Der Chef. Und ganz nebenbei auch einer der dienstältesten Gerichtsmediziner Deutschlands. Seit fast 40 Jahren sind Leichen sein tägliches Geschäft. Semmler hat sie alle gesehen: die Zerstückelten, die bis zur Unkenntlichkeit Entstellten, die Aufgedunsenen, die Verwesten, die Verbrannten.

Momentan herrscht eine gespenstische Ruhe im Sektionssal. Der Rechtsmediziner steht vor dem Seziertisch auf dem mintgrünen Fliesenboden und kratzt sich am Kopf. Ob ihm noch etwas nahe geht? „Ja“, sagt er. „Kinder“. Das Schlimmste. Oft genug sind sie auf dem Tisch hinter ihm gelandet. Vor nicht allzu langer Zeit kommt ein Neugeborenes, das seine Eltern einbetoniert haben. Sie wollten es nicht. „Kindstötung“ sagt Semmler.

Die Schädeldecke des Winzlings, der in der Potsdamer Rechtsmedizin landet, ist vollkommen zertrümmert, als Jörg Semmler den Betonklotz aufstemmt. „Vor Gericht haben die Eltern behauptet, die Knochenbrüche kämen vom Betonieren. Sie beschuldigten sich gegenseitig“. Der Rechtsmediziner glaubt ihnen nicht, den steinernen Babysarg lagert er im Keller des Instituts und lässt sich von einer Kulissenbauerin aus Potsdam einen Dummy herstellen. Eine Puppe mit einem Kopf so groß wie der des Babys. Nur ohne Brüche. Auch er passt in den Betonklotz. Die Verletzungen müssen also vorher entstanden sein, die Eltern lange auf ihr Kind eingeprügelt haben. „Als ich das im Gerichtssaal gezeigt habe, war Ruhe.“

Jörg Semmler hat selbst zwei Kinder. 26 und 43. Sie sind aus dem Gröbsten raus. Ihnen muss er nicht mehr erklären, was er jeden Tag macht. Sie wissen das. Wahrscheinlich kennen sie auch seine schauerlichsten Geschichten. Zwei davon erlebt er gleich am Anfang seiner Karriere. In den 80ern. Damals heißt das Haus noch Bezirksinstitut für Gerichtliche Medizin Potsdam. In Oranienburg wird wenige Wochen nach Semmlers Amtsantritt eine Wasserleiche angespült. Für die Ermittler ein klarer Fall: ertrunken. Semmler schaut damals genauer hin und entdeckt ganze 17 Stichwunden im Rücken der Frau. „Mit einem mehrschneidigen Gegenstand“, sagt er. Das beeindruckt auch den Täter vor Gericht, der gesteht, die Mutter eines Freundes mit einer Schere erstochen zu haben. „Davor hat er sie auf einem Moped bis zum Havelkanal gefahren“, erinnert sich der Rechtsmediziner. Nackt und vorbei an einer Polizeistreife, die damals mit anderem beschäftigt war.

Beim zweiten Fall reibt sich Semmler die weißen Schläfen. Vielleicht deshalb, weil er die Leiche kennt, die in einem seiner ersten Bereitschaftsdienste angeliefert werden soll. „Ich war gerade fertig mit einer Facharztausbildung“, sagt er. Gemeinsam mit einer Freundin, die in Neuruppin Pathologin werden wollte. Er fing in Potsdam an. Sie in der Fontanestadt. Während seine Karriere noch immer nicht zu Ende ist, dauerte ihre nur vier Wochen. Ein anderer Arzt missbrauchte sie sexuell und erwürgte die junge Medizinerin schließlich, weil sie sich nicht auf die Annäherungsversuche einließ. „Ich tauschte damals die Schicht“, sagt Semmler, der einen Kollegen bittet, die Leiche der Ärztin zu öffnen und der Todesursache auf die Spur zu gehen. Das erste und letzte Mal.

400 bis 500 Leichen werden jährlich in Potsdam auf ihre Todesursache untersucht. 70 Prozent davon sind Opfer einer Beziehungstat, schätzt Semmler. „Bei 80 Prozent ist zusätzlich noch Alkohol im Spiel.“ Das zehnköpfige Ärzte-Team untersucht aber auch regelmäßig Blutproben – von Leuten, die im Straßenverkehr unter Drogen- oder Alkoholeinfluss erwischt wurden.

Die richtig spannenden Fälle sind und bleiben aber die Toten. Ein letzter für heute, und zugleich Semmlers berühmtester: „Ich war 1986 dabei, als man Hans Hermann von Katte wieder ausgegraben hat“, sagt der Forensiker, der gerne auch ein bisschen den Historiker mimt. Kurzer biografischer Abriss zu von Katte: Freund vom Kronprinzen Friedrich II., Hinrichtung durch den Soldatenkönig und das Gerücht über seine falsche Leiche, die jahrhundertelang in Wust in Sachsen-Anhalt ruhte. Bis 1986. „Wir haben dann die Schädeldecken von ihm und seinen Vorfahren verglichen, die ebenfalls in der Familiengruft liegen.“ Resultat: Katte war der echte. Heute könnte die Familie Semmler sogar selbst beauftragen, Identität und Todesursache zweifelsfrei festzustellen. „300 Euro kostet die Privatsektion“, sagt der Rechtsmediziner.

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