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Bestatter räumt Vorwürfe ein : Leichen im Supermarkt gelagert

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Mehrere Fachämter in der Barnimer Kreisverwaltung befassen sich seit vergangenem Donnerstag mit einem Fall, den es so in Brandenburg noch nicht gegeben hat – mit der Aufbewahrung von Särgen in den Lagerräumen eines ehemaligen Einkaufsmarktes.

svz.de von
erstellt am 11.Mai.2015 | 21:00 Uhr

Als der Anruf am Donnerstag im Barnimer Gesundheitsamt einging, glaubte Amtsärztin Heike Zander ihren Ohren nicht zu trauen. Sie ließ alles stehen und liegen und fuhr von Eberswalde nach Klosterfelde. Was sie in dem ehemaligen Einkaufsmarkt mitten im Ort vorfand, schockierte sie. In dem leerstehenden Gebäude befanden sich fünf Leichen in Särgen.

Heike Zander fackelte nicht lange. Sie erließ umgehend eine Sofortverfügung zum Abtransport der Toten. Der Bestatter brachte die Särge in Krematorien nach Lichterfelde (Barnim) und nach Berlin-Baumschulenweg. „Er zeigte sich kooperativ“, sagt Oliver Köhler, Sprecher des Landkreises. Das Vorgehen des Unternehmers nennt er „pietätlos“. Ein Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz sei dem Mann aber nicht nachzuweisen. Die Papiere zu den Toten seien korrekt, die Aufbewahrung der Leichen in geschlossenen, weiß ausgeschlagenen Särgen ordnungsgemäß gewesen. Und für die Aufbewahrung sei eigens eine Kühlanlage in den ehemaligen Markt eingebaut worden. „Die hat technisch einwandfrei funktioniert“, sagt Köhler. Aus hygienischen Gründen gebe es keine Handhabe gegen den Bestatter.

Dennoch droht dem Mann ein Bußgeldverfahren – wegen des Verstoßes gegen die Bauordnung. Er hatte versäumt, einen Antrag auf Umnutzung des Gebäudes zu stellen. Dass ein solcher Antrag von Erfolg gekrönt gewesen wäre, kann sich der Sprecher der Kreisverwaltung nur schwer vorstellen. Insgesamt sei das nun eine Angelegenheit des Ordnungsamtes der Gemeinde Wandlitz.

Die Krux liegt darin, dass der Beruf des Bestatters in Deutschland grundsätzlich frei und ungeregelt ist. Er kann ohne Ausbildung oder Prüfung ausgeübt werden. Erforderlich sind lediglich ein Gewerbeschein und die Beachtung des Bestattungsgesetzes, des Grabnutzungsrechts sowie der geltenden Friedhofsordnungen der Kommunen und Kirchengemeinden als Träger von Friedhöfen.

In Wandlitz machte die Angelegenheit am Wochenende beim Gemeindefeuerwehrtag die Runde. Noch am Sonnabend sei dann die Ordnungsamtsleiterin Ilka Paulikat nach Klosterfelde gefahren, um sich mit eigenen Augen vor Ort zu überzeugen. Viel erkennen konnte sie vermutlich nicht, denn das Areal wirkt insgesamt etwas verlassen, wobei im vorderen Teil des ehemaligen Marktes Zementsäcke zu erkennen sind, die auf Bautätigkeiten hinweisen könnten. Die Recherchen in der Wandlitzer Gemeindeverwaltung führten zum Gewerbeamt, wo der Wandlitzer Unternehmer Ende April vorstellig wurde. „Der Betreffende betreibt ein Bestattungsgeschäft und hat beim Gewerbeamt eine Nebenstelle angemeldet, die als Lager genutzt werden soll“, sagte die Wandlitzer Pressesprecherin Elisabeth Schulte-Kuhnt gestern.

Von besonderem Interesse dürfte allerdings die angegebene Nutzung dieser „unselbstständigen Zweigstelle“ sein, wie es offiziell im Amtsdeutsch heißt. „Genutzt werden sollten die Räumlichkeiten zur Lagerung von leeren Särgen und Bestattungszubehör“, kommunizierte Elisabeth Schulte-Kuhnt nach Rücksprache mit dem Gewerbeamt. Demnach habe die Mitarbeiterin durchaus bewusst den Bestatter gefragt, was genau im Lager aufbewahrt werden solle und eben diese Antwort bekommen. Diese Angaben bestätigt auch der Eigentümer der Immobilie. Der Unternehmer habe die Lagerräume des ehemaligen Marktes angemietet, um dort in Polen hergestellte Särge zwischenzulagern, sagt Michael Brenske. Er bezweifelt die Aussage der Kreisverwaltung, dass sich in den Särgen Tote befunden haben.

Von der Aufbewahrung Toter in einem ehemaligen Lebensmittelmarkt sei ausdrücklich keine Rede gewesen. Dennoch werde laut Elisabeth Schulte-Kuhnt dieser Umstand aus gewerberechtlicher Sicht folgenlos bleiben. „Das Gesundheitsamt wird sicher reagieren“, erwartet die Pressesprecherin, die sich gleichwohl entsetzt zeigt. „Eine würdevolle Aufbewahrung Verstorbener sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ob die Aufbewahrung in einem ehemaligen Lebensmittelmarkt dazu passt, darf bezweifelt werden.“

Der Unternehmer selbst räumte gestern ein, fünf Verstorbene in den Lagerräumen „umgesargt“ zu haben, um sie für die Bestattung vorzubereiten. Dies werde er künftig nicht mehr tun, versicherte er.

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