Großkmehlen : Leben mit 100 Fledermäusen

Die Tiere sind über eine undichte Stelle unter das Dach gelangt und bringen dort ihre Jungen zur Welt.
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Die Tiere sind über eine undichte Stelle unter das Dach gelangt und bringen dort ihre Jungen zur Welt.

Wenn abends in Südbrandenburg Ruhe einkehrt, ist auf Familie Kaubischs Dachboden Halligalli angesagt

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27. Juli 2014, 08:22 Uhr

Es gibt Momente, in denen sich Anne Kaubisch in ihrem eigenen Haus gruselt – wenn sie die kleine Holzluke zum Dachboden öffnet. Sie kann nicht abschätzen, was dann passiert. Die Apothekerin Kaubisch und ihre beiden Kinder leben mit rund 100 Fledermäusen unter einem Dach. Die Tiere kommen jedes Jahr im Frühjahr in das Haus in Großkmehlen (Oberspreewald-Lausitz) zur Aufzucht ihres Nachwuchses. Von Naturschützern bekommt die 38-Jährige viel Zuspruch. Sie wurde kürzlich sogar vom Land Brandenburg ausgezeichnet.

Vor einigen Tagen hatte Kaubisch wieder einen dieser Gruselmomente. Als sie den Tierkot vom Dachboden entfernen wollte, kam ihr beim Öffnen der Luke eine Fledermaus entgegen. „Ich bin ganz schnell von der Leiter gesprungen, runter gerannt, hab alle Fenster geöffnet und mich auf die Terrasse gesetzt und ganz lange gewartet.“

Vor sieben Jahren waren die Kaubischs aufs Land gezogen – ohne zu ahnen, dass sie jedes Jahr etwa ab April eine Menge Untermieter bekommen würden. „Wir dachten zunächst, dass abends jemand da oben rumläuft oder dass es ein Waschbär ist“, sagt Kaubisch.

Wenn es abends in dem kleinen Ort nahe der Grenze zu Sachsen ruhig wird, drehen die Fledermäuse auf: „Sie fiepen, kratzen und flattern.“ Einige Fledermausarten, wie etwa die Breitflügelfledermäuse der Kaubischs, kommen zur Aufzucht ihrer Jungen in den Frühjahrs- und Sommermonaten in Gebäude. Dann leben sie in Dächern, Mauerspalten oder Fugen.

Das Landesumweltamt bedauert, dass Fledermäusen wegen Hausdachsanierungen Lebensraum genommen wird. „Die renovierten Dächer sind dann für die Tiere hermetisch abgeriegelt“, sagt Diplom-Biologe Jens Teubner vom Landesumweltamt.Die Artenschutz-Expertin des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Christiane Schröder, die seit 20 Jahren Fledermausbestände zählt, sieht aber auch Fortschritte. Es gebe nach und nach mehr Sensibilität bei Architekturbüros und Wohnungsbaugesellschaften. Auf Fledermäuse werde bei der Sanierung stärker Rücksicht genommen.

Anne Kaubisch ist ein Beispiel. Sie hätte bei einer Dachrenovierung riskiert, dass die Fledermäuse nicht mehr wiederkommen, berichtet sie. Deshalb habe sie sich dagegen entschieden. „Es wären ohnehin nur Schönheitsreparaturen gewesen“, fügt sie hinzu. Dafür ist die 38-Jährige kürzlich ausgezeichnet worden – mit der Plakette „Wir geben der Fledermaus ein Haus“. Das Landesumweltamt und das Umweltministerium vergeben die Ehrung seit 2009, bisher elfmal.

Nach Angaben des Landesumweltamts erholen sich einige der 18 in Brandenburg vorkommenden Fledermausarten langsam. Einen Anhaltspunkt dafür bietet etwa das Nabu-Fledermausmuseum Julianenhof im Naturpark Märkische Schweiz. Es meldete für Juni 808 Tiere auf dem Dachboden, 2006 seien es nur 238 gewesen. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) berichtet von steigenden Zahlen in den einzelnen Quartieren.

Das Dach der Kaubischs jedenfalls ist beliebt. Vor drei Jahren seien es noch 88 Fledermäuse gewesen, jetzt habe der Nabu rund 100 gezählt, sagt Kaubisch. Dass im Haus über viele Wochen im Jahr Halligalli angesagt ist, hat für sie auch eine praktische Seite: „Der Fledermauskot ist super Dünger für meinen Garten.“

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