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Denkmalschutz wird sexy : Kreativ gegen den „Schandfleck“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Alle Türen sind zugemauert, die Wände übersät von Graffiti – es ist offensichtlich lange her, dass es im „Lichtspieltheater der Jugend“ nach Popcorn gerochen hat. Das markante Gebäude steht seit 15 Jahren leer und verfällt. Und doch: heute Abend soll hier wieder ein Film laufen.

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erstellt am 19.Sep.2014 | 11:01 Uhr

Alle Türen sind zugemauert, die Wände übersät von Graffiti – es ist offensichtlich lange her, dass es im „Lichtspieltheater der Jugend“ nach Popcorn gerochen hat. Das markante Gebäude im Zentrum von Frankfurt (Oder) steht seit rund 15 Jahren leer und verfällt zusehends. Und doch: heute Abend soll hier wieder ein Film laufen. Gedreht hat ihn der 15-jährige Schüler Tom Berthold im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft des städtischen Liebknecht-Gymnasiums.

Ein Jahr lang haben sich er und etwa 20 weitere Jugendliche mit dem 50er-Jahre-Bau – einige rückwärtige Gebäudeteile stammen noch aus dem 19. Jahrhundert – in ihrer Heimatstadt beschäftigt. Das frühere Kino wurde 1998 geschlossen, als in der Stadt ein Multiplex eröffnete.

Seitdem ist das Gebäude in privater Hand und sollte schon Theater, Disko oder Kasino werden; eine Nutzung kam aber nie zustande.

Bestenfalls als Fotokulisse war es noch gefragt. Der „Schandfleck mitten im Zentrum“ sei „ziemlich peinlich“, sagt Mitschüler Tobias Kluge. So richtig aufgefallen sei ihm das erst, als Besuch von außerhalb nach dem Gebäude gefragt habe. „Selber hatte man sich ja schon daran gewöhnt.“

Unterstützt von einem Kunstlehrer, einem pensionierten Stadtplaner und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz haben sich die Schüler mächtig ins Zeug gelegt – sie haben alte Aufnahmen besorgt, ein Modell des Kinos gebaut, eine Konferenz mit Fachleuten organisiert und den zehn Minuten langen Streifen gedreht, der vor der Fassade gezeigt werden soll. Auch eine Infotafel, die heute neben dem Gebäude angebracht wird, geht auf ihre Initiative zurück. Sie soll nicht nur an das jetzige Gebäude erinnern, sondern auch an die Funktion des gesamten Platzes.

Hier stand vor dem Zweiten Weltkrieg das von Schinkel entworfene Stadttheater, laut Stadtplaner Dieter Freudenberg einst die „erste Adresse der Stadt“. Ulrich-Christian Dinse von der Frankfurter Denkmalbehörde sagt, das Lichtspieltheater sei für eine öffentliche Nutzung „prädestiniert“. Die Stadt sieht selbst kaum Handlungsspielraum und lobt die Initiative der Schüler – sie helfe, „dem Eigentümer zu verdeutlichen, dass er mit dem Erwerb der Immobilie eine Verantwortung übernommen hat“, sagt der für Stadtentwicklung zuständige Dezernent Markus Derling.

Im Juni hat der Besitzer gewechselt. Was der Käufer aus Mazedonien mit dem Haus anfangen wolle, sei bislang unbekannt, so Derling. Die Stadt erwarte eine „sinnvolle Nutzung“ und denkmalgerechte Sanierung.

Es gebe Auflagen, einen weiteren Verfall der Substanz zu verhindern. Allerdings lag die Stadt deswegen bereits mit dem Vorbesitzer im Rechtsstreit. Der Besitzer sei auf Anfragen der Schüler nicht eingegangen, sagt Kunstlehrer Winfried Bellgardt. Für ihre Recherchen hätten sie sich aber dennoch in das Gebäude „hineinverirrt“, berichtet einer der Schüler.

Das Gebäude sei kaum gesichert und werde von Jugendlichen als Spielplatz und Partyort genutzt. Für Tom steht fest: Die Stadt sollte das Gebäude zurückkaufen. In einem offenen Brief an die Stadtverordneten, den die Schüler geschrieben haben, heißt es: „Wie lange wollen Sie diese Missachtung unserer Stadt hinnehmen? So darf es nicht weitergehen!“ Es gehe ihnen um schöne Architektur und ein Stück Identität.

Visionen haben die jungen Denkmalschützer auch: Ein Fitness-Center schwebt ihnen vor oder eine Nutzung durch die Universität. Seit die jungen Leute den Finger in die Wunde legen, interessieren sich auch andere wieder für das Gebäude. Im August haben sich Frankfurter zum Unkraut zupfen getroffen.

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