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Panorama BB

24. November 2017 | 07:00 Uhr

Kommissarin Twitter

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Berliner Polizei bedient mit Enthusiasmus soziale Netzwerke / In Brandenburg ist man noch nicht so weit

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2014 | 11:21 Uhr

Es waren kurze, kuriose Meldungen, mit denen die Internet-Gemeinde unterhalten wurde. „Anrufer meldet Tier in Notlage, ein Rabe kämpft mit dem Tod“, twitterte die Berliner Polizei im Juni während eines 24-stündigen Meldungsmarathons aus der Notrufzentrale. Ein anderer Tweet beschäftigte sich mit Kindern, die wassergefüllte Luftballons auf die Straße warfen, was tatsächlich zu einem Einsatz führte.

Im Twitter-Kanal wurde auch über einen handfesten Streit in einem Hundesalon berichtet, bei dem es um eine missglückte Frisur ging. Vor allem aber die Fahndung nach einem „rotschwänzigen Graupapagei aus Friedrichshain“ wurde im Netz eifrig kommentiert – mit Anteilnahme, aber auch mit viel Häme.

Yvonne Tamborini sitzt vor einem aufgeklappten, knallorangen Laptop in ihrem kleinen Büro am Platz der Luftbrücke und scrollt mit der Maus aktuelle Meldungen ihrer Kollegen durch. Die 40-jährige Hauptkommissarin ist hauptamtliche Twitter-Beauftragte der Berliner Polizei – mit kurzem dienstlichen Draht zum Polizeipräsidenten Klaus Kandt. Bald soll die zierliche Beamtin eine eigene Dienststelle leiten, die sich nur mit neuen Medien beschäftigt.

„Jeder hat bei der 24-Stunden-Aktion mal gespürt, was in dieser Stadt eigentlich abgeht“, sagt Tamborini, während sie über das Display ihres Smartphones streicht. Der Twitter-Marathon mit mehr als 1000 Meldungen bescherte der Berliner Polizei bundesweite Aufmerksamkeit. Er sei „begeistert“, sagte Behördenchef Kandt. „Danke für den Einblick in den alltäglichen Wahnsinn“, brachte es ein Internet-Nutzer auf den Punkt. Die Zahl der sogenannten Follower – Nutzer, die den Kanal abonnieren – stieg rasant und liegt derzeit bei rund 22 000.

Alltag der Twitterin in Uniform sind jedoch weniger kuriose Themen: Es geht um Unfälle, Überfälle, Trickbetrüger, Veranstaltungshinweise und Erfolgsmeldungen über Festnahmen. „Wir können direkt mit den Bürgern kommunizieren, schnell über Lagen informieren und auch Gerüchten vorbeugen. Dies haben wir im Dauereinsatz gezeigt“, erklärt Tamborini.

Trotz des bisherigen Erfolgs der eigenen Twitter-Aktivitäten schaut Tamborini beeindruckt nach Spanien, wo die Nationalpolizei mehr als eine Million Follower vereint – eine Zahl, die manche Popstars nicht erreichen. Unter dem Schlagwort „Policía 3.0“ geben die Beamten einen umfassenden Einblick in ihren Alltag, in die Fahndung nach Verbrechern oder von brenzligen Einsätzen.

„Die schicken alles raus, bei uns würde das aus Datenschutzgründen gar nicht funktionieren“, sagt Tamborini. Mit ihren drei Kollegen, die sie bislang nur nebenbei unterstützen, hat sie sich darauf verständigt, die eigene Behörde nicht mit einer hohen Schlagzahl von Tweets zu überfordern. Dennoch sollen die Aktivitäten künftig weiter verstärkt werden, etwa mit einem neuen Video-Kanal.

Auch wenn die Hauptstadt-Polizei ambitioniert erscheint, waren andere Behörden schneller. Die niedersächsische Polizei startete im März 2011, auch ihre Kollegen in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Sachsen zwitschern gerne. In Brandenburg hat eine polizeiliche Arbeitsgruppe „Chancen und Risiken“ für den Einsatz von sozialen Netzwerken bewertet. Mit positivem Ergebnis: „Noch in diesem Jahr soll ein Twitter-Dauerkanal starten“, wie eine Sprecherin des Polizeipräsidiums mitteilt.

Nur die Fachhochschule der Polizei in Oranienburg hat schon früh den Trend erkannt: Seit fünf Jahren wird über Facebook, Twitter sowie bei Youtube meist Imagepflege betrieben und um Nachwuchskräfte geworben. „Das sind die Plattformen, auf denen wir heute die meisten Jugendlichen erreichen“, sagt Timm Schindler, Leiter des Präsidialbüros der Einrichtung. „Wir müssen Bewerber mit modernen Mitteln ansprechen.“

Auch Tamborini spricht von einer „Smartphone-Generation“, die für die Öffentlichkeitsarbeit eine neue Herausforderung darstellt. Bei manchen Themen ist die Resonanz enorm, etwa nach den Tweets von Blitzer-Einsätzen oder bei Demonstrationen von linksautonomen Gruppierungen. „Wir geben der Netzgemeinde genügend Raum für Kommentare“, sagt sie diplomatisch. Auch wenn über die Polizei hergezogen wird. Aus ihrer Sicht können gezielte, schnelle Informationen auch Eskalationen verhindern. So gab Tamborini während der deutschen WM-Spiele auf der Fanmeile über Twitter immer wieder einen Überblick zur Situation in dem Gedränge.

Zuweilen können Tweets aber auch ihr Ziel verfehlen: So hatte Tamborini ein Foto vom Tag der offenen Tür im Twitter-Kanal veröffentlicht, auf dem Kinder zu sehen waren, die einen Mini-Wasserwerfer bedienten. Internetnutzer empörten sich darüber, dass die Kleinen mit „Distanzwaffenmodellen“ spielten. Tamborini sieht es gelassen: „Die Kritik müssen wir einfach aushalten.“

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