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Rettungshubschrauber : Kliniken fürchten um Landeplätze

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wenn die Not am größten ist, es ganz schnell gehen muss, kommen für den Transport von Kranken und Verletzten Hubschrauber zum Einsatz. Nun verschärft eine EU-Vorschrift die Standards für die Landeplätze. Vielen droht das Aus.

Wenn die Not am größten ist, es ganz schnell gehen muss, kommen für den Transport von Kranken und Verletzten Hubschrauber zum Einsatz. Nun verschärft eine EU-Vorschrift die Standards für die Landeplätze. Vielen droht das Aus. Bundesweit gibt es Protest, auch in Brandenburg.

Wer zum Beispiel im Raum Rathenow einen schweren Unfall hat, wird in der Regel zunächst ins dortige Krankenhaus gebracht. Ist dann die Verlegung in eine Spezialklinik notwendig, geht es bislang mit dem Hubschrauber weiter. Damit könnte ab November dieses Jahres Schluss sein. Stattdessen müssten diese Patienten dann entweder gleich ins 45 Autominuten entfernte Nauener Krankenhaus oder später für die Verlegung per Hubschrauber dorthin chauffiert werden. Denn ab Herbst hat im Havelland voraussichtlich nur die Nauener Klinik einen zugelassenen Hubschrauberlandeplatz.

Schuld ist die EU-Verordnung 965/2012 – „Betriebsvorschriften für den gewerblichen Luftverkehr“. Die Bundesregierung hatte eine Übergangsfrist durchgesetzt, aber die läuft nun aus. Die Konsequenz: Zwar können Hubschrauber bei Gefahr für Leib und Leben weiterhin auf der Autobahn oder einem Acker landen, aber die Auswahl an Flugzielen für die Krankentransporte dürfte künftig deutlich kleiner sein.

Die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft geht davon aus, dass bundesweit die Hälfte aller Landeplätze in ihrem jetzigen Zustand vor dem Aus steht. In Brandenburg sieht es nach Angaben der Landeskrankenhausgesellschaft (LKB) für elf von insgesamt 39 Landeplätzen düster aus. Bei weiteren zehn seien teils erhebliche Investitionen notwendig, um sie am Netz zu halten.

Keine schlaflosen Nächte bereitet die Verordnung hingegen der Geschäftsführung des Kreiskrankenhauses Prignitz. „Wir erfüllen bereits den notwendigen Paragraphen – die Richtlinie betrifft unser Krankenhaus demnach nicht“, so Geschäftsführer Karsten Krüger gegenüber dem Prignitzer. Grund hierfür ist vor allem der Neubau des Krankenhauses vor etwas mehr als zehn Jahren. „Wir haben damals theoretisch danach bauen müssen, da nur so eine Genehmigung erteilt wurde“, verdeutlicht Krüger. Doch reagieren nicht alle Krankenhausbetreiber und Verbände so positiv auf die Verordnung. Die verschärfte EU-Vorschrift für die Standards für die Hubschrauberlandeplätze sorgt vor allem in den Reihen der Betroffenen für Unmut. So ist der Geschäftsführer der Landeskrankenhausgesellschaft, Jens-Uwe Schreck, empört über die Verordnung.

„Wir haben überall im Land sichere Landeflächen“, betont er. In seinen Augen schießt die EU in ihrem Streben nach Sicherheit über das Ziel hinaus. „Da wird nach der optimalsten Lösung gesucht, statt mit Augenmaß das zu verlangen, was sinnvoll und machbar ist.“ Leiden müssten darunter Menschen in Not, die darauf angewiesen seien, schnell an einen anderen Ort zu gelangen, statt vergleichsweise langsam mit dem Krankenwagen, warnt Schreck.

Auf der Kippe stehen vor allem Landeplätze in Innenstädten, wie eben in Rathenow. „Unser Landeplatz liegt 50 Meter von einem mehrgeschossigen Gebäude entfernt. Das ist der EU zu wenig“, erklärt Christina Tech, Logistikexpertin bei den vom Landkreis betriebenen Havelland Kliniken. „Die neuen Vorschriften legen zum Beispiel den einzuhaltenden Flugwinkel fest. Außerdem geht es darum, dass im Falle eines Falles auch ein Hubschrauber mit Triebwerksschaden sicher landen kann.“

Der Deutsche Hubschrauber Verband (DHV) indes hält die neuen Regeln für übertrieben bürokratisch und praxisfern. Das Netz der Luftrettung in Deutschland sei bereits jetzt äußerst sicher, sagt DHV-Geschäftsführer Thilo Scheffler. Laut Landeskrankenhausgesellschaft sei nun in jedem Einzelfall zu prüfen, ob und wenn ja wie man Plätze EU-konform nachrüsten könne. LKB-Geschäftsführer Schreck wünscht sich bei diesen Überlegungen Unterstützung vom Brandenburger Gesundheitsministerium, doch das winkt auf Nachfrage dieser Zeitung ab und verweist auf die Zuständigkeit des Bundesverkehrsministeriums.

Jens-Uwe Schreck blickt außerdem sorgenvoll auf die notwendigen Investitionen. Sie würden viele Häuser finanziell überfordern, vor allem wenn am Ende die einzige Lösung der Neubau eines Landeplatzes auf dem Dach sei. „Wenn es die Statik der Gebäude überhaupt zulässt, fallen da mehrere Millionen Euro an. Das ist richtig teuer.“

Das Rathenower Krankenhaus hofft stattdessen, den Landeplatz durch ein Hintertürchen behalten zu können. „Wir sind auf ihn angewiesen“, stellt Christina Tech klar. Und so wird im Bundesverkehrsministerium gerade an einer Ausnahmeregelung für Landeplätze mit relativ wenig Verkehr gearbeitet. Die Rede ist von maximal 100 Flugbewegungen im Jahr, womit Rathenow geholfen wäre. Ein Ministeriumssprecher wollte diese Zahl auf Nachfrage jedoch nicht bestätigen.

Der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Prignitz, Karsten Krüger, denkt ähnlich: „Das sind definitiv ziemlich hohe Anforderungen, die da erfüllt werden müssen. Und auch wenn ich nicht die Behörde bin, rechne ich mit Übergangszeiten zum Nachrüsten oder Ausnahmeregelungen.“ Doch sind diese Umbauten wohl für kleinere Einrichtungen, deren Landeplätze nicht wie der des Prignitzer Krankenhauses allein im Jahr 2013 je 1000 Landungen und Starts verzeichnete, recht schwer zu stemmen.

So ist die Zurückhaltung anderswo noch sehr groß. So lehnt es Jens-Uwe Schreck ab, die Namen aller kritischen Standorte in der Mark zu nennen. Von einer Klinik, die nach Informationen dieser Zeitung um ihren Platz bangen muss, gab es gestern auf eine diesbezügliche Anfrage keine Rückmeldung.


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