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Gefängnispastor : „Kein Mensch ist nur ein Dealer“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Manche haben nie eine Kirche von innen gesehen, andere sind oft zum Gottesdienst gegangen – hinter Gittern gibt es neue Wege

Er hat schon viel gesehen: Krebskranke, die um ihr Leben kämpfen. Verzweifelte Angehörige, die hilflos zusehen müssen. Hinterbliebene, die in ihrer Trauer den Glauben verlieren. „Man muss es aushalten können“, sagt Heino Winkler. Knapp 15 Jahre war er Krankenhausseelsorger – eine gute Basis für seine Tätigkeit als Gefängnispastor. Seit gut drei Monaten ist der 56-Jährige in der Vollzugsanstalt in Brandenburg/Havel tätig. An die Gitter vor seinem Bürofenster hat er sich noch nicht gewöhnt.

„An den Umständen leide ich schon etwas“, gibt Winkler zu. Sicherheitszäune, verschlossene Türen zwischen den Zellentrakten, Handyverbot, kein Internet – alles ist reglementiert. Beginnt der Theologe seinen Dienst, muss auch er sein Mobiltelefon abgeben. Recherchen für die Predigt im Internet sind nur zu Hause möglich. Möchte ein Häftling mit dem Seelsorger reden, muss er – Notsituationen ausgeschlossen – einen Antrag stellen. „Ich kann mich als ungeduldiger Mensch schwer daran gewöhnen, dass alles dauert“, räumt der 56-Jährige ein.

Nach den vielen Jahren in der Krankenhausseelsorge sah der geschiedene Vater jedoch Zeit für eine neue Herausforderung. Zumal die Vollzeitstelle des evangelischen Pfarrers viel Gestaltungsfreiheit bietet. „Im Rahmen der engen Sicherheits- und Ordnungsregeln kann ich mich sehr frei einbringen“, berichtet er. Dazu gehört der Gottesdienst, den er alle zwei Wochen im Wechsel mit seinem katholischen Kollegen Johannes Drewes gestaltet. Den beiden Theologen steht dafür seit der Modernisierung des Gefängnisses für bislang insgesamt rund 123,52 Millionen Euro ein eigener Bereich zu Verfügung. Neben der hellen, modernen Kapelle mit rund 50 Plätzen gibt es zwei Büros für Drewes und Winkler, zudem jeweils einen Gruppenraum und eine gemeinsame Küche. 824 755 Euro wurden laut Justizministerium investiert.

Samstags und dienstags treffen sich Strafgefangene nach dem Gottesdienst zum Kaffeetrinken. Die Männer reden, machen Musik oder hören zu – und werden die ein oder andere Bitte los. Sie seien schnell zu erfreuen: Ob Konzert im Gottesdienst oder danach ein Stück Kuchen, Süßigkeiten oder Zigaretten. „Das System Gefängnis ist sehr repressiv. Alles ist reglementiert und damit ein Stück Mangelware“, meint der Pfarrer. Einige Gefangene kämen mit den starren Regeln gut zurecht – möglicherweise hat deren Verlust sie „Draußen“ mit auf die schiefe Bahn gebracht. „Die meisten haben aber ein Empfinden für Würde.“

Diese ist für den Pfarrer unverzichtbar – auch wenn die Straftäter die Würde ihrer Opfer auf das Übelste verletzt haben. „Niemand ist nur ein Totschläger oder ein Dealer“, betont Winkler. „Ich versuche die Männer mit den Augen Jesu zu sehen. Das ist mein Leitspruch. Ich schaffe das nicht immer – aber der Anspruch bleibt.“

Um diese Haltung bewahren zu können, nimmt der Gefängnispfarrer einmal im Monat fachliche Beratung in Anspruch – eine Supervision, die seine Landeskirche zahlt. „Das ist eine wichtige Sache zum Selbstschutz“, sagt er. Hilfreich sei auch Joggen: „Das macht den Kopf herrlich frei.“

Fast täglich dreht der sportliche Theologe mit gepflegtem Bart seine Runden. Khakifarbenes Hemd und Hose würden auch zu einem Förster passen. Er komme aus der Naturwissenschaft, habe als Jugendlicher die Spezialschule für Physik besucht, berichtet der gebürtige Frankfurter (Oder). „Ich bin eher der nüchtern denkende Mensch.“ Gläubig sei er jedoch schon immer gewesen. „Und ich habe Dinge erlebt, bei denen man sagt: Die können nicht sein.“

In allen fünf Vollzugsanstalten in Brandenburg gibt es Seelsorger, berichtet Ministeriumssprecher Alexander Kitterer. „Allerdings handelt es sich nicht immer um eine Vollzeitstelle.“ Das Angebot werde von den derzeit landesweit knapp 1400 Häftlingen gut angenommen. Viele von ihnen suchten das Gespräch mit den Seelsorgern. Diese würden auch helfen, das Misstrauen zwischen Gefangenen und Personal zu überbrücken oder Spannungen bei den Insassen untereinander abzubauen.

Die Pfarrer hätten eine wichtige „neutrale Position“, schildert Christoph Heil, Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie seien Mitarbeiter im kirchlichen Dienst und nicht im Dienst der Anstalten, betont er. Seine Institution habe 17 Seelsorger; neun von ihnen haben eine Vollzeit- und fünf eine Halbtagsstelle. Die besondere Stellung der Pfarrer erlaube es, tragfähige und dauerhafte Beziehungen zu Gefangenen aufzubauen. „Vielen Gefangenen sind solche Vertrauensbeziehungen ihr Leben lang fremd geblieben“, schildert Heil. „Die Gefangenen sind dankbar“, so Winkler nach seinen ersten Monaten hinter Gittern. Und traditionsbewusst: „Sie legen Wert auf den Segen im Gottesdienst – und auf den Talar.“ Er selbst sehe sich lockerer. „Aber da wird mir eine Rolle zugetragen – und die nehme ich dann auch an.“

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