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Zweiter Akt: : Kampf über den Wolken

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Zu neun Jahren Haft war Kleomenis S. vor gut einem Jahr vom Landgericht Frankfurt (Oder) verurteilt worden.

svz.de von
erstellt am 21.Feb.2015 | 16:07 Uhr

Zu neun Jahren Haft war Kleomenis S. vor gut einem Jahr vom Landgericht Frankfurt (Oder) verurteilt worden. Der Grieche, so sahen es die Richter, hatte während eines Ausbildungsfluges mit einem Kristallstein auf den Piloten eingeschlagen, um die Cessna zum Absturz zu bringen. Der Bundesgerichtshof allerdings hob das Urteil auf Antrag der Verteidigung auf.

Gestern geisterten dann zwei Versionen durch den Saal 007 des Landgerichts. Zwei Versionen eines Flugzeugabsturzes am 21. Juni 2013 in Zäckericker Loose (Märkisch-Oderland), den Flugschüler Kleomenis S. und Pilot Winfried Gebhardt fast mit dem Leben bezahlt haben. Für das Gericht schien Ende Februar 2014, die Beweislage klar für die Version des Strausberger Fluglehrers zu sprechen: Der heute 74-Jährige war an dem Tag mit der viersitzigen Cessna zu einem Übungsflug aufgebrochen. Links von ihm sitzt Kleomenis S., 52 Jahre alt, der sich angeblich den Traum vom Fliegen erfüllen will.

Als beide Neuhardenberg unter und hinter sich gelassen haben, greift der Flugschüler in seine Tasche und holt einen etwa ein Kilogramm schweren, scharfkantigen Stein heraus, den er Gebhardt an die Schläfe schleudert. Der Pilot, benommen und blutend, versucht das Flugzeug zu kontrollieren, während der Grieche noch weitere Male zuschlägt und, als das nichts hilft, Winfried Gebhardt beide Daumen in die Augen drückt und gleichzeitig mit seinem Körper das Steuerhorn nach vorn drückt, um die Cessna zum Absturz zu bringen. Dass sein Plan nicht aufgeht, ist den Ausführungen des ersten Prozesses zufolge vor allem den Erfahrungen und der Geistesgegenwart des früheren NVA-Piloten aus Strausberg zu verdanken.

Er wehrt sich gegen die Angriffe seines Flugschülers und bringt die Maschine auf einem Getreidefeld mit gebrochenem Bugrad und auf dem Rücken liegend zum Boden. Beide Insassen überleben mit zum Teil erheblichen Verletzungen. Das Gericht verurteilt Kleomenis S. im Februar 2014 zu neun Jahren Haft – es sieht die Tatbestände gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr und versuchter Mord als erwiesen an. Doch der Bundesgerichtshof (BGH) hebt das Urteil nach Intervention der Verteidigung im November 2014 auf. Mit einer Begründung, die nur schwer zu erklären ist. Die Bundesrichter haben ein Problem mit der Einschätzung ihrer Frankfurter Kollegen, dass Kleomenis S. nicht strafbefreiend vom Mordversuch zurückgetreten ist. Da Pilot Gebhardt das Flugzeug mehr oder weniger sicher notlanden konnte, sei nicht auszuschließen, dass der Grieche noch während des Fluges von seinen Mordplänen abgelassen haben könnte. „Der freiwillige Rücktritt vom unbeendeten Versuch ist eine goldene Brücke für den Angeklagten“, kommentierte Verteidiger Michael Sinapius die BGH-Entscheidung.

Doch bislang hat sich die Verteidigung nicht auf einen Deal eingelassen, der bei einem Geständnis die Strafe auf fünfeinhalb Jahre reduzieren könnte. Was an der zweiten Version des Tathergangs liegen dürfte, die im Gerichtssaal kursiert und in der sich der Angeklagte als Opfer eines sexuellen Angriffs sieht. Daran hält er auch bei der Neuauflage des Prozesses fest. Der Fluglehrer habe ihn schon auf dem Strausberger Flugplatz betatscht und die Annäherungsversuche im Cockpit fortgesetzt. Irgendwann, sagt Kleomenis S., habe er seine Wasserflasche aus der Tasche geholt und dem Fluglehrer an die Schulter geschlagen.

Irgendwann gerät der Flug aus dem Ruder, zur Auseinandersetzung kommt es nach Schilderung des Angeklagten aber erst nach der Notlandung. Mit dem Kristall habe er sich lediglich zu verteidigen versucht. „Es könnte sein, dass er sich die Verletzungen selbst zugefügt hat“, unterstellt er seinem Fluglehrer vor Gericht. Die Beweise aus der ersten Verurteilung sprechen allerdings dagegen. Um die wichtigste Frage in der Neuauflage zu klären, bräuchte das Gericht einen Gedankenleser: Ist Kleomenis S. in der letzten Phase des Fluges zur Vernunft gekommen? Das Gericht wird dieser Frage am 6. März weiter nachgehen.

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