DDR-Filmgeschichte : Kamera-Aus für Kinder von Golzow

Klassenfoto der 5. Klasse aus „Die Kinder von Golzow“
1 von 2
Klassenfoto der 5. Klasse aus „Die Kinder von Golzow“

Regisseur Winfried Junge wird am Sonntag 80 und setzt sein legendäres Langzeitprojekt nicht fort

svz.de von
18. Juli 2015, 16:00 Uhr

Die Kinder von Golzow aus dem brandenburgischen Oderbruch sind lange erwachsen, oft Großeltern und um die 60 Jahre alt. Die Kindheit verlebten sie in der DDR: immer beobachtet von der Kamera des DEFA-Dokumentarfilmers Winfried Junge. 46 Jahre berichtete er über die Mädchen und Jungen – vom ersten Schultag an. Junge, Autor der preisgekrönten und weltweit einzigartigen Chronik, wird an diesem Sonntag 80 Jahre alt. Sein Lebenswerk  sind   die  42 Filmstunden über die Golzower.

Er drehe heute nicht mehr, sagt Junge. „Derzeit bin ich mit Aufräumen und der Ordnung des Nachlasses beschäftigt, der an das Potsdamer Filmmuseum geht“, erzählt er. Regelmäßig wird er zu Aufführungen eingeladen und berichtet über das außergewöhnliche Projekt. Weltweit gibt es nichts Vergleichbares. Die Dokumentation landete auch im Guinness Buch der Rekorde.

Der allerletzte „Golzow“-Film wurde von ihm 2008 zur Berlinale präsentiert. „Damit war ich elfmal dabei.“

Der erste Golzow-Film entstand 1961, kurz nach dem Bau der Mauer. Junge, gerade den Abschluss als Dramaturg in der Tasche, erhielt als Anfang 30-Jähriger vom DEFA-Dokumentarfilmstudio den Auftrag, Kinder auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten. Das ließ ihn die nächsten Jahrzehnte nicht mehr los.

Der mehr als 50 Jahre alte 13-Minuten-Streifen „Wenn ich erst zur Schule geh“ von 1961 wirkt heute berührend. ABC-Schützen erleben ihre Einschulung und lernen erste Buchstaben. Ihre Schüchternheit legen die Kinder vor der Kamera schnell ab. Viele von ihnen sind in den folgenden Jahrzehnten auf der Leinwand immer wieder zu sehen.

Ende 2008 geht es im letzten Dokumentarfilm nur noch um fünf der einst 26 Mädchen und Jungen. Sie waren über die Jahre hinweg dem kleinen Ort im Oderbruch treu geblieben.

Dazwischen begleiteten Junge, seine Frau Barbara und ein eingespieltes Team die Kinder auf ihrem Lebensweg. Bei Zeugnisausgaben fließen Tränen. Jugendweihen oder Hochzeiten werden gefeiert. Dann werden die Lehre oder das Studium abgeschlossen.

Regelmäßig sind die Filmemacher in Golzow. Aus den vielen Aufnahmen entstehen dann die einzelnen Porträts. „Es war der ganz normale Alltag in Golzow und in der DDR, nichts Besonderes“, sagt Junge. Offenbar macht das auch noch heute den Erfolg der 19 preisgekrönten Filme bei den Zuschauern aus. „Die einen sind mit den Golzowern groß geworden und erinnern sich gut an die Zeit. Junge Menschen blicken hingegen erstaunt in die Vergangenheit“, erklärt er sich die Resonanz.

Aus heutiger Sicht würde er vielleicht einiges anders machen, sagt er. „Ich weiß genau, es gibt gute und weniger gute Filme.“ Vor allem sei ihm zu wenig Abstand zu dem Geschehen vor der Kamera vorgeworfen worden. Auch seine Kommentare oder Fragen seien kritisiert worden. Bestätigt fühle er sich aber durch den Preis für sein Lebenswerk vom Verband Deutscher Kritiker.

Mit der Wende kam für das Filmprojekt eine Zäsur. Viele der Golzower machten nicht mehr mit. „Mit ihren DDR-
Biographien wollten sie nicht ins gesamtdeutsche Rampenlicht“, sagt er. Zudem wurden einige arbeitslos und lebten von Hartz IV. Andere gingen für eine neue Zukunft in den Westen. Erst sollte das Projekt nur bis zum Ende der Schulzeit laufen, später bis zum 50. Jahrestag der DDR 1999. „Dann sollte der Sozialismus aufgebaut sein. Es kam aber anders.“

Ist denn nun alles erzählt, wird Junge oft gefragt. „Ja“, sagt er und begründet das Ende der Dreharbeiten auch mit dem Alter. „Ich hätte mich gefreut, wenn sich ein junger Mensch gefunden hätte, der das Projekt weiterführt“, bedauert er aber.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen