Dramatischer Ausflug nach Rügen : Junge in höchster Not vom Kreidefelsen gerettet

Höhenretter konnten den völlig erschöpften 14-Jährigen bergen.
Höhenretter konnten den völlig erschöpften 14-Jährigen bergen.

Dank eines beherzten Rettungseinsatzes hat ein Junge eine Klettertour überstanden. Doch wer zahlt dafür?

svz.de von
18. Juli 2014, 07:08 Uhr

Nach einer dramatischen Rettungsaktion in 50 Meter Höhe am Königsstuhl auf Rügen sind zwei jugendliche Heimkinder aus Brandenburg erst einmal zur ihren Eltern nach Hause geschickt worden. Die beiden 13 und 14 Jahre alte Jungen waren am Mittwochnachmittag vom Strand aus auf den Königsstuhl – Wahrzeichen der Rügener Kreideküste – geklettert. Während der Jüngere beim Aufstieg hinfiel, sich dabei eine Schnittverletzung am Finger zuzog und umkehrte, setzte der 14-Jährige die Klettertour fort, bis er nicht mehr weiterkam, wie ein Polizeisprecher sagte. Er musste entkräftet aus etwa 50 Metern von einem Höhenrettungsteam gerettet werden, das sich vom Plateau des 118 Meter hohen Kreidefelsens abgeseilt hatte. Der Junge erlitt Schürfverletzungen am Bein.

Die beiden Jungen leben in einem Kinderheim im Landkreis Dahme-Spreewald, seien aber nach dem Unglück zu ihren Eltern nach Berlin gebracht worden, teilte der brandenburgische Landkreis Dahme-Spreewald mit.

Der Landkreis habe um eine Stellungnahme von der Einrichtung gebeten, damit geklärt wird, was genau passiert ist und ob sich die Betreuer korrekt verhalten haben. Die Stellungnahme werde an die Heimaufsicht beim brandenburgischen Landesjugendamt weitergeleitet. Das Heim ist eine stationäre Einrichtung der Jugendhilfe.

Beide Jungen waren am Mittwoch zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht worden, konnten aber danach den Betreuern übergeben werden. Sie gehörten zu einer Gruppe von Jugendlichen, die in Göhren auf Rügen ihre Ferien verbracht hat. Die Jungen seien „wohlauf“, hieß es vom Landkreis Dahme-Spreewald. Kreisangaben zufolge sei die Reise nicht wegen des Unglücks abgebrochen worden.

Das zuständige Nationalparkamt hat sich gestern milde gezeigt. Es werde keine Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die beiden Kletterer einleiten. Die Aktion am Mittwoch werde den beiden Jugendlichen genug Lehre sein, sagte die Sprecherin des Nationalparkamtes, Katrin Bärwald. „Wir gehen davon aus, dass sie mitbekommen haben, dass man der Natur mit Respekt begegnen muss.“

Die Polizei hat bislang keine Anzeige aufgenommen, wie eine Polizeisprecherin sagte. Es werde aber geprüft, ob eine Straftat – möglicherweise eine  Verletzung der Aufsichtspflicht der Betreuer – vorliege.

Der Nationalpark Jasmund mit dem Königsstuhl wird jährlich von mehr als einer Million Touristen besucht. Selten, aber immer wieder, versuchen Waghalsige eine Mutprobe an den aus brüchiger Kreide, Mergel, Sand und Findlingen bestehenden Kreidefelsen.  „Das ist leider ein Vorfall, wie wir ihn jedes Jahr haben“, sagte Dezernatsleiter Ingolf Stodian. Er selbst habe bereits zwei Jungen aus vier Metern Höhe aus dem Kliff geholt. An einer anderen Stelle habe er eine junge Frau im Kliff beim Klettern beobachtet.

Warnschilder weisen auf die Gefahren an der Kreideküste hin. Im Nationalpark Jasmund gilt ein Wegegebot. Damit ist auch das Klettern an der Steilküste verboten. An der Kreideküste stürzen immer wieder unvermittelt Teile des Kliffs in die Tiefe. Der tragischste Vorfall ereignete sich am 26. Dezember 2011. Damals kam ein zehnjähriges Mädchen aus dem brandenburgischen Plattenburg bei einem Spaziergang mit Mutter und Schwester ums Leben. Tausende Kubikmeter Kreide hatten sich aus dem Kliff gelöst und das Mädchen getötet. Der Leichnam wurde erst einen Monat später gefunden.

Der für den Rettungsdienst zuständige Landkreis Vorpommern-Rügen will die polizeilichen Ermittlungen abwarten. Dann werde darüber entschieden, ob man die Kosten für den Einsatz den Verursachern in Rechnung stelle, sagte ein Sprecher.

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), die mit einem Seenotkreuzer vor Ort war und den 14-Jährigen nach Sassnitz gebracht hatte, verzichtet auf eine Rechnung. Es habe sich um eine lebensgefährliche Situation gehandelt, sagte eine Sprecherin. Diese Einsätze seien durch die Satzung abgedeckt.

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