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Jenseits von Sparwasser und BFC

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Blick auf Fankultur und Klubstruktur: Forscher arbeiten an einer systematischen Geschichte des DDR-Fußballs

svz.de von
erstellt am 27.Aug.2014 | 12:45 Uhr

In einer groß angelegten Studie lässt der DFB erstmals die Geschichte des DDR-Fußballs untersuchen. Den Forschern geht es nicht um das Nacherzählen bekannter Geschichten, sondern um eine Analyse der gesellschaftlichen und politischen Strukturen rund um den Ball.

Die chronische Bevorzugung des BFC Dynamo, das Sparwasser-Tor 1974 gegen die Bundesrepublik, die Rätsel um den Tod des in den Westen geflüchteten Spielers Lutz Eigendorf 1983 – das sind berühmte Schlaglichter des DDR-Fußballs. Darüber ist viel geschrieben worden. „Wenn wir auf Neuigkeiten dazu stoßen, werden wir das natürlich berücksichtigen“, sagt Michael Barsuhn, Geschäftsführer des Zentrums für deutsche Sportgeschichte in Berlin. Aber Anliegen des jetzt gestarteten Forschungsprojekts sei eher etwas anderes, nämlich die Erarbeitung einer systematischen Geschichte des DDR-Fußballs.

„Es geht um Verbands- und Klubstrukturen, um Fankultur, darum, wie der Fußball in der DDR trotz seiner Staatsnähe Identität gestiftet hat“, erzählt der 37-Jährige Historiker. Insgesamt 282 000 Euro hat der DFB für das auf zwei Jahre angelegte Forschungsprojekt bereitgestellt. Beteiligt sind neben dem Zentrum für deutsche Sportgeschichte auch das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und die Universität Münster. Michael Barsuhn, geboren in Bielefeld, ist als Wissenschaftler seit zehn Jahren unter anderem im DDR-Fußball zu Hause.

Plakative Storys über Stasi und Doping sind nicht sein Ding, aber einen Bogen darum könne man auch nicht machen, stellt er klar. Wie der Staat den Fußball lenkte, werde also durchaus größeren Raum in der Studie einnehmen.

Konkret will er untersuchen, wie der Fußball bei der Talentsichtung benachteiligt wurde, wie die Olympiafixiertheit der Staatsführung zum Beispiel dafür sorgte, dass Fußballlehrer mit den Trainingsplänen anderer Sportarten arbeiten mussten, dass „alle langen Kerle im Land Ruderer waren, und nicht gute Kopfballspieler“, wie es ein Trainer einst bedauerte. Es gebe reichlich Akten zum Thema, sagt Barsuhn, etwa im Archiv des früheren Deutschen Fußball-Verbands (DFV), das nun vom Nordostdeutschen Fußballverband gepflegt werde. Außerdem werden er und seine Kollegen Gespräche mit Zeitzeugen führen. Mit wem genau, will er noch nicht verraten. „Matthias Sammer wäre natürlich ein ausgezeichneter Gesprächspartner. Aber wichtig sind mir auch Leute, die der Allgemeinheit weniger bekannt sind.“

Als Beispiel nennt er frühere Generaldirektoren, die über Betriebssportgemeinschaften (BSG) großen Einfluss hatten. So habe die DDR schon bei Republikgründung keine freien Vereine zugelassen, musste aber Mitte der 1960er-Jahre erkennen, dass zumindest zehn Fußballclubs (FC) im Land besser ausgestattet werden müssten, um das Niveau allgemein zu heben. Die Auseinandersetzung BSG gegen FC zog sich dann bis zur Wende. Wenn in der Tabelle eine der schlechter gestellten BSG vor einem Klub stand, war das ein Ereignis und oft auch dem Engagement eines fußballverliebten Werkschef zu verdanken.

Denn natürlich ging es auch im DDR-Fußball um Geld. Selbst Erich Honecker konstatierte im Februar 1989 im kleinen Kreis: „Wir brauchen uns nicht so aufzuregen. Fußballer werden gekauft. Die Oberliga-Spieler sind also Berufssportler.“ Schon in den 1950er-Jahren gab es unter der Trainerlegende Georg Buschner in Jena ein System der „materiellen Stimulierung“. Alles geheim natürlich, wie der Historiker Michael Kummer in einer vor zwei Jahren veröffentlichten Arbeit erklärte. So erhielt der Spieler Lutz Lindemann 1977 für seinen Wechsel aus Erfurt nach Jena nach eigenen Angaben 15 000 Mark Handgeld, und als der FC Carl Zeiss Jena 1981 ins Europapokalfinale einzog, gab es vom Generaldirektor 20 000 Mark pro Spieler.

Summen, von denen DDR-Olympiasieger nur träumen konnten. Das ist das Spannungsfeld, in dem auch Michael Barsuhn den Fußball im Osten sieht. So agierte der DFV unter dem Dach des DTSB, des Deutschen Turn- und Sportbunds, dessen mächtiger Chef Manfred Ewald nicht unbedingt ein Fußballfreund war. „Ewald war gegenüber dem DFV weisungsbefugt. Und der DTSB unterstand dem Zentralkomitee der SED“, erklärt Barsuhn.

Diese Strukturen führten noch vor der offiziellen DFV-Gründung dazu, dass 1954 das Oberliga-Team der sächsischen BSG Empor Lauter kurzerhand nach Rostock verpflanzt wurde. Welche Machtkämpfe gab es in diesem oder ähnlichen Fällen hinter den Kulissen? Wie verlief die sogenannte Delegation von Top-Spielern? Das sind Fragen, auf die sich Barsuhn Antworten erhofft. „Ein gut lesbares Buch“ soll die Geschichte des DDR-Fußballs werden, verspricht er.

Ein Mann, der ihm dabei besonders am Herzen liegt, ist Heinz Krügel. „Ein hartes Schicksal“, sagt Barsuhn über den einstigen Erfolgstrainer des 1. FC Magdeburg. „Er wollte nicht im eigenen Saft schmoren, hat sich bei Spielen gegen West-Mannschaften mit deren Trainern ausgetauscht.“ Barsuhn hat Krügel getroffen, kurz bevor er 2008 starb. „Er war kein Oppositioneller, sondern passte einfach nicht ins Raster.“ Die Stasi beobachtete ihn, bemühte sich erfolglos, ihn anzuwerben, und auf einmal war er raus, zwei Jahre nachdem er mit dem 1. FCM den Europapokal geholt hatte, wurde er lebenslang gesperrt.

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