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Engagement Trotz Rente : „Jeder kann etwas bewegen“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Albrecht Klein fand bei Amnesty International Berlin-Brandenburg eine sinnvolle Aufgabe im Ruhestand.

„Keine Zeit“, ist die Antwort, die Albrecht Klein und seine sechs Mitstreiter am häufigsten bekommen. Dabei dauert das, was sie von den Menschen auf der belebten Kreuzung in Berlin-Schöneberg wollen, keine zwei Minuten. „Nur eine Unterschrift“, erklärt Albrecht Klein. Er hat an diesem Vormittag Aktionspostkarten für misshandelte Schwule und Lesben in Kamerun dabei. Unter der Überschrift „Liebe ist kein Verbrechen“ will sie die regionale Amnesty-Gruppe in Massen nach Afrika schicken, um die Kameruner Regierung aufzufordern, inhaftierte Homosexuelle freizulassen. 16 Unterschriften hat Klein bisher zusammenbekommen, in anderthalb Stunden sei das eine annehmbare Zahl, was auch am guten Wetter liege. „Wenn die Leute einen Regenschirm in der einen Hand und eine Einkaufstüte in der anderen halten, unterschreiben sie meist nicht“, weiß der Mann mit der gelben Amnesty-Weste schon aus Erfahrung.

Dass er mal in Marktschreier-Manier um Aufmerksamkeit für Missstände in aller Welt buhlen würde, hätte der 75-Jährige noch vor einigen Jahren für unmöglich gehalten. Als Professor der Molekulargenetik wechselte er oft die Wohnorte, lebte mit seiner Familie in Amerika. Mit dem Ruhestand suchte der Mann aus Berlin-Britz nach neuen Aufgaben.

Finanziell hatte er Amnesty International schon lange unterstützt. Vor neun Jahren fing er an, zu den Treffen einer der Regionalgruppen zu gehen. Die Mitglieder sind zwischen 17 und 77 Jahre alt. Bei jedem Termin werden anstehende Aktionen besprochen. Häufig geht es um Hilfe für Gewerkschaftsmitglieder oder Anhänger von Protestbewegungen, die aufgrund ihres Engagements in ihren Ländern verhaftet wurden. Typisch sei zum Beispiel das Thema Landwegnahme für den Bau von olympischen Sportstätten, erklärt Klein.

Die nichtstaatliche Menschenrechtsorganisation hat in 98 Ländern unabhängige Beobachter. Wenn sie Missstände bemerken, melden sie diese nach London, wo Experten in der Amnesty-Zentrale die Informationen prüfen. Sollten sich Menschenrechtsverletzungen bestätigen, gehen Meldungen an alle Amnesty-Gruppen in der ganzen Welt heraus, und es folgt eine Eilaktion. Dabei geht es meist darum, die Zuständigen mit Protestbriefen zu überhäufen.

Albrecht Klein nennt gerne das Beispiel eines unschuldig inhaftierten Gefangenen in der Dominikanischen Republik. „Nach 200 Briefen hat er seine Kleidung wiederbekommen, nach 400 wurde der erste Besuch erlaubt. Nach 1200 nahm der Gefängnisdirektor Kontakt zu seinem Vorgesetzten auf, nach 3000 folgte die Freilassung.“

Die Briefe sind vorformuliert und können über einen Amnesty-Newsletter bezogen werden. Eine Mitgliedschaft, die fünf Euro im Monat kostet, ist dafür nicht erforderlich. „Man braucht nur drei Briefmarken oder ein Faxgerät, denn E-Mails können von manchen Sicherheitsbehörden blockiert werden“, erklärt Klein. Berufstätige, die wenig Zeit haben, kostet die Aktion eine viertel Stunde im Monat.“

Albrecht Klein hat Zeit. Also engagierte er sich noch mehr ehrenamtlich, tat auch Dinge, die ihm anfangs unangenehm waren. „Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie bei einer Demo mitgelaufen. Nun reckte ich plötzlich für die Rechte simbabwischer Frauen die Faust.“ Noch größere Überwindung kostete es ihn, mit einer Sammelbüchse für Folteropfer über den Kollwitzplatz zu gehen. „Da muss man auch damit rechnen, angepöbelt zu werden.“ Doch es seien dann oft die ausländischen Marktstandbesitzer, die ihn heranwinken, spenden oder ihn mit Proviant versorgen. Schöne Begegnungen, die Mut machen und das Selbstvertrauen steigern. „Ich habe durch die Arbeit an mir Fähigkeiten entdeckt, von denen ich vorher nichts gewusst habe.“

Seitdem es dem Berliner zu anstrengend geworden ist, abends im Orchester-Verein mitzuspielen, hat er auch die Menschenrechtsbildung übernommen. Er erklärt anderen, was Menschenrechte eigentlich bedeuten und wie einfach es sein kann, sich für sie einzusetzen. Seine Vorträge beschließt er gerne mit dem Märchen von der widerspenstigen Rübe, die Opa, Oma, Enkel, Hund, Katze mit vereinten Kräften versuchen zu ernten. Erst als die ängstliche Maus auch noch mit anpackt, löst sich das Gemüse aus dem Beet.

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