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„Haus für verblödete Kranke“ : Irrenanstalt zu verkaufen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

1908 war in Teupitz die „Landesirrenanstalt“ eröffnet worden – bis zu 1600 Patienten wurden dort behandelt. Auf dem historischen Lageplan tragen die Gebäude noch Bezeichnungen wie „Haus für zerstörungssüchtige Frauen“ oder „Haus für verblödete Kranke“.

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erstellt am 08.Okt.2014 | 20:30 Uhr

Auf dem überwucherten Areal mit halb verfallenen Gebäuden ließen sich Horrorfilme drehen, schließlich bietet die Geschichte des Ensembles in der Kleinstadt Teupitz genügend Stoff dafür. 1908 war dort die „Landesirrenanstalt“ eröffnet worden – bis zu 1600 Patienten wurden dort behandelt.

Auf dem historischen Lageplan tragen die Gebäude noch Bezeichnungen wie „Haus für zerstörungssüchtige Frauen“ oder „Haus für verblödete Kranke“. Während der NS-Zeit spielte die Klinik dann eine tragische Rolle im Euthanasie-Programm des NS-Regimes. Und nach den Zweiten Weltkrieg entstand dort ein Militärkrankenhaus für das Oberkommando der russischen Streitkräfte im nahe gelegenen Wünsdorf.

Nach dem Abzug der Roten Armee zog das rund 16 Hektar große Gelände vor allem Randalierer, Schrottdiebe und Hobby-Fotografen an. Letztere suchen in den maroden Gebäuden nach besonderen Motiven. Und sie werden fündig: Alte Tapeten blättern von den Wänden, verstaubtes Mobiliar und Geschirr steht in vergitterten Räumen, russische Broschüren liegen auf dem Boden. Selbst in Internetforen für Geistergläubige wird von der maroden Klinik geschwärmt.

Auch Dirk Schierhorn gerät ins Schwärmen – wenn er von den Potenzialen spricht, die das landeseigene Gelände bietet. Konkrete Vorstellungen hat der Bürgermeister von Teupitz schon im Kopf. Eigentumswohnungen seien denkbar, ein Internat mit einer Europaschule oder ein SOS-Kinderdorf, erzählt er. In einem zum Ensemble gehörenden Wasserturm auf einer Anhöhe könnte ein Café eröffnen.

Doch der Kommune sind die Hände gebunden. Seit Jahren warte man darauf, dass die dafür zuständige Brandenburgische Bodengesellschaft (BBG) sich um die Vermarktung der Fläche kümmert. „Bei uns fehlen Baugrundstücke, wir dürfen keine weiteren Wohngebiete ausweisen“, so Schierhorn. Von Berlinern und Brandenburgern, die in der Nähe des künftigen Großflughafens wohnen, kommen immer wieder Anfragen nach Grundstücken.

Freilich kam in der jüngsten Zeit etwas Bewegung in die Vermarktung. Die Liegenschaft tauchte als Exposé im Internet-Angebot der BBG auf, zwei Besichtigungstermine hat die Gesellschaft bereits anberaumt. Finanzminister Christian Görke (Linke) besuchte Ende August das vom Architekten Theodor Goecke errichtete Gebäudeensemble, das seit 1997 unter Denkmalschutz steht. Der Verkauf solle bald vonstatten gehen, sagte Görke.

Denn das ungenutzte Areal kostet das Land jährlich 20 000 Euro. Bis kommenden Montag können Interessenten ihre Angebote abgeben. Zu der Frage, ob es bereits Interessenten gibt, wollte das Potsdamer Finanzministerium jedoch nichts sagen. „Diese mit Altlasten verseuchten Grundstücke sind grundsätzlich schwierig zu vermarkten“, sagt Sprecherin Ingrid Mattern. Sie verweist indes auf Erfolge bei der Nachnutzung: Von 100 000 Hektar Militärflächen, die vom Bund an das Land übertragen wurden, seien bereits 90 Prozent einer zivilen Nutzung überführt worden. 1300 Kaufverträge mit Investitionsverpflichtungen von 1,1 Milliarden Euro wurden abgeschlossen.

Bürgermeister Schierhorn kann diese Argumentation nur bedingt nachvollziehen. Meist würden die Hinterlassenschaften der Roten Armee außerhalb der Kommunen liegen. „Hier haben wir aber ein Areal mitten in der Stadt, gut über die Autobahn angebunden, für das sich Investoren finden lassen“, glaubt er. Derzeit stellt das Gebiet nicht nur einen Schandfleck, sondern auch eine Gefährdung dar. „Vier Mal hat es dort schon gebrannt.“

Auch der brandenburgische Städte- und Gemeindebund würde sich bei der Entwicklung von ehemaligen Militärflächen in guten Lagen mehr Tempo wünschen. „Diese Brachen stehen keiner Stadt gut zu Gesicht“, so Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher.

 

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