zur Navigation springen

Macht Selbstbefriedigung krank? : Intimes aus DDR-Schlafzimmern

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

West-Kids hatten „Dr. Sommer“ bei der Jugendzeitschrift „Bravo“. Ost-Jugendliche stellten ihre Fragen einfach „Unter vier Augen“ - in der Zeitung „Junge Welt“. „Kein Problem kann mich mehr überraschen und erschüttern“, sagt die Journalistin Jutta Resch-Treuwerth heute.

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2014 | 08:00 Uhr

West-Kids hatten „Dr. Sommer“ bei der Jugendzeitschrift „Bravo“. Ost-Jugendliche stellten ihre Fragen einfach „Unter vier Augen“ - in der Zeitung „Junge Welt“. „Kein Problem kann mich mehr überraschen und erschüttern“, sagt die Journalistin Jutta Resch-Treuwerth heute. Fast 30 Jahre lang war sie zu DDR-Zeiten Ansprechpartnerin für Jugendliche und junge Erwachsene. Auch heute lassen sie Themen wie Sex, Liebe und Partnerschaft nicht los. Aber die Leser der 73-Jährigen, die auch mehrere Bücher verfasst hat, sind älter geworden - und neue Probleme sind dazu gekommen.

Resch-Treuwerth war 1971 bei der ständigen Zeitungskolumne „Unter vier Augen“ eingestiegen - sie kam per Zufall zu diesem Job. Jeden Mittwoch erschien die Rubrik in der „Jungen Welt“, der Tageszeitung des sozialistischen DDR-Jugendverbandes Freie Deutsche Jugend (FDJ). 1963 war die Frage-Antwort-Reihe, bei der es keine Tabus gab, gestartet worden.

Ohne Sensationsgier, fast nüchtern, aber immer einfühlsam ging Resch-Treuwerth jeder manchmal noch so merkwürdig scheinenden Frage nach. „Die Probleme beschäftigten die Jungen und Mädchen sehr, das verlangte auch eine ernsthafte Antwort“, sagt die Autorin ruhig und bestimmt.

In ihrem Arbeitszimmer im Haus in Hohen Neuendorf bei Berlin gibt es mehrere tausend Originalbriefe, die damals die Zeitung erreichten. „Es war nichts ausgedacht. Die Schreiber waren echte Menschen - auch wenn die Leser das oft nicht glaubten“, sagt sie.

Die in Pappkartons verstauten Papiere sind ein interessanter Schatz - mit einem ganz persönlichen Blick auf die DDR. „Wer eine Adresse angegeben hatte, erhielt eine Antwort“, erzählt sie. Da ging es um die Sorgen einer Mutter um ihre Tochter, die mit 13 Jahren wie 16 aussieht. Oder eine Frau wird von ihrem Mann geschlagen, scheut aber wegen der Kinder vor einer Scheidung zurück. Und Jungs schreiben von ihren ersten schwulen Erfahrungen.

Wird Resch-Treuwerth auf ihren Bekanntheitsgrad angesprochen, registriert sie das lächelnd. Zumindest unter ehemaligen DDR-Bürgern, die zur Wende gerade in der Pubertät steckten, wird sie in einem Atemzug mit „Unter vier Augen“ genannt. Glücklicherweise sei sie wiederum nicht so bekannt, dass sie unaufgefordert im Supermarkt mit sexuellen Lebensbeichten konfrontiert werde, meint sie.

Jüngere könnten mit ihrer Person nicht mehr viel anfangen, fügt sie hinzu. Es sei denn, sie haben bei Eltern oder Großeltern im Bücherschrank eines ihrer Bücher entdeckt. „Alles über Sex ist heute über das Internet zu erfahren“, sagt sie. „Doch Sexualität hat auch etwas mit Intimität zu tun. Und die bleibt auf der Strecke“, schätzt sie kritisch ein.

Resch-Treuwerth veröffentlicht immer noch Kolumnen, unter anderem in der Wochenend-Ausgabe der „Jungen Welt“. Zu Lesungen muss sie vor allem ihre Bücher mit Liebesbriefen aus den 70er und 80er Jahren mitnehmen. „Für viele ist das ein Stück der eigenen Vergangenheit“, erzählt sie. „Mein Publikum ist älter geworden“, meint die Autorin. Heute gehe es zwar immer noch um viele Sexthemen. „Wichtig sind aber auch Fragen zu Kindererziehung und Partnerschaft.“ Auch wie Großeltern sich um die Enkel kümmern, werde erörtert. „Alles ist ein Angebot zum Weiterdenken“, sagt die rüstige Expertin bestimmt.

In ihrem zuletzt erschienenen Buch widmete sich die Autorin Frauen jenseits der 50 und deren Suche nach „Mr. Right“ und einer Partnerschaft. In einem guten Dutzend Porträts beschrieb sie starke und mitten im Leben stehende Frauen. Auf die Idee, auch persönliche Erlebnisse in ihre Beiträge einfließen zu lassen, kam sie nie. „Mein eigenes Leben lasse ich völlig raus“, sagt Resch-Treuwerth, die seit 40 Jahren verheiratet ist. „Wichtig ist, gegenüber Menschen und den unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens Toleranz zu zeigen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen