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Inselleben – viel Idylle, wenig Komfort

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kein Strom, kein fließendes Wasser – seit Generationen bestimmen der Naturschutz und ein Verein den Lebensrhythmus auf der Insel Reiswerder im Tegeler See

svz.de von
erstellt am 20.Okt.2014 | 12:16 Uhr

Der Fährmann weiß Bescheid. „Den Bürgermeister finden Sie im Rathaus“, sagt Roland Behm, während er das Boot am Ufer festmacht. Rathaus? Bürgermeister? Der Fährmann versteht den fragenden Blick gar nicht, zeigt nur in Richtung einer kleinen Lichtung im Wald. Und da steht es tatsächlich, ordentlich beschriftet und mit Turm – das Rathaus von Reiswerder, einer 300 Meter langen und 200 Meter breiten Insel im Tegeler See.

Bürgermeister Lothar Dally fegt gerade die Terrasse, Vorbereitung auf das Saisonabschlussfest. Ein Mann geht vorbei, bedankt sich überschwänglich für den Lachs, den Dally mal wieder vorzüglich geräuchert habe. Und der Bürgermeister, 72 Jahre alt und von verwegenem Äußeren, ein bisschen wie Hemingway, strahlt vor Freude über das ganze Gesicht. „Sobald man die Insel betritt, ist man ein anderer Mensch.“ So beschreiben die Leute von Reiswerder den Zauber des Eilands. Große Worte sind das. Und doch spürt es auch der Besucher sofort.

Reiswerder ist eine Welt für sich, nicht nur weil das Vereinsheim Rathaus heißt, der Bürgermeister natürlich kein Bürgermeister ist. Dass die 123 Lauben keinen Strom und kein fließendes Wasser haben, es nur eine Gemeinschaftstoilette gibt, ist auch nicht entscheidend. Das Einzigartige ist: Hier gelten andere Regeln als auf dem Festland, sowohl was das Zusammenleben der Inselbewohner angeht als auch ihren Umgang mit der Natur. Das Leben verläuft in ruhigen und geordneten Bahnen – wie vor 100 Jahren.

Im Jahre 1914 fing es an, damals noch auf der Nachbarinsel Baumwerder. Familien errichteten erste Lauben, nutzten den Ort als Sommersitz. „Vor allem Arbeiter aus dem Wedding waren das, kaum Akademiker“, erzählt Lothar Dally. Im Jahre 1943 beanspruchten die Wasserwerke Baumwerder für sich, also schafften die Vereinsmitglieder ihre Hütten auf Flößen nach Reiswerder, wo sie teils unverändert noch heute stehen. Und zwar aufgebockt auf Hohlblocksteinen, sodass man jederzeit wieder umziehen könnte.

Reiswerder ist Landschaftsschutzgebiet, das ist der Grund für die provisorisch anmutende Lösung. Jegliche Eingriffe in die Natur sind tabu. Die Inselbewohner dürfen nichts anpflanzen und nichts fällen. Dünger, offenes Feuer, frei laufende Hunde und Katzen, eine Erweiterung der 18 Quadratmeter großen Ein-Raum-Lauben – alles verboten. Solarzellen auf einigen Dächern sind die einzigen Errungenschaften der Moderne. Sie liefern zumindest etwas Strom, um abends nicht im Dunkeln zu sitzen und vielleicht ein, zwei Stunden fernsehen zu können. Trinkwasser müssen sich die Inselbewohner aus Brunnen holen.

„Man darf hier nicht viel machen, aber man muss eben auch nicht viel machen“, sagt Willy Schwarz mit einem verschmitzten Lächeln, während er vor der Insel-Baude einen Tee trinkt. Das Leben wird auf das Wesentliche reduziert, die Fähre fährt ja auch nur von 8 Uhr morgens bis Sonnenuntergang. Wer zu spät kommt, muss die knapp 200 Meter bis zum Festland schwimmen oder ein Ruderboot nehmen. Auch das sieht Willy Schwarz positiv: „Es ist eine Insel. Hier geht keiner verloren.“

Seine Frau ist die Betreiberin der Insel-Baude. Sie hat übrigens Strom, genauso wie das Rathaus. „Ich bin extra in Rente gegangen, um die Baude betreiben zu können“, berichtet Gaby Schwarz.

Eine Sorge hat sie gerade. Der Verein hat sie verpflichtet, die Baude in der Saison stets von Dienstag bis Sonntag, sechs Tage in der Woche, zu öffnen. Aber sobald die Tage kürzer werden, kommen wochentags kaum Gäste. „Ich muss mal mit dem Bürgermeister reden. So geht das nicht weiter“, grübelt sie.

Auch Roland Behm, der eigentlich sehr freundliche Fährmann, verzieht das Gesicht, wenn man ihn in ein Gespräch darüber zu verwickeln versucht, was er für einen tollen Job hat. „Im Hochsommer von morgens bis zum Sonnenuntergang hier stehen – wissen Sie, was das heißt?“, knurrt er. Fest angestellt hat ihn der Verein, deshalb gleiche sich die sommerliche Mehrarbeit ab dem Herbst aus, wenn die Fähre nur noch von Freitag bis Sonntag verkehrt. „Das geht schon in Ordnung. Wenn nicht noch das mit den Toiletten wäre“, erzählt Behm.

Auch im Paradies muss jemand die Drecksarbeit machen. Behm beklagt sich nicht, das Abpumpen ist nunmal Teil seines Jobs. „Aber immer gibt es was zu meckern.“ Das ärgert ihn. So beschweren sich Vereinsmitglieder, dass es zuweilen etwas streng riecht rund um das Toilettenhaus. „Dabei kann ich doch nichts dafür.“

Und noch eine atmosphärische Baustelle gibt es auf Reiswerder. Der Generationswechsel verläuft längst nicht so harmonisch, wie man sich das wünschen würde, räumt der Bürgermeister ein. Auf der Warteliste für eine Laube würden zwar stets genug Namen stehen. „Aber die jungen Leute haben andere Vorstellungen vom Inselleben als wir“, erzählt Dally, der 1980 über seine Angelleidenschaft nach Reiswerder gefunden hat. „Engagement ist wichtig. Viele der Neuen kommen jedoch nur an sonnigen Wochenenden auf einen Kaffee vorbei, und dann fahren sie wieder. Früher hingegen hatten die Familien nicht das Geld für weite Reisen, verbrachten den ganzen Sommer auf Reiswerder.“

Ein Grund, Trübsal zu blasen, ist das für Lothar Dally aber nicht. Der Verein steht auf sicherem Fundament, mit dem Bezirksamt gibt es einen langfristigen Pachtvertrag. „Und wenn wegen Einsturzgefahr ein Baum gefällt werden muss, bekommen wir ganz schnell das Okay.“ Seit zehn Jahren ist Dally Bürgermeister, also Vereinschef, nächstes Jahr soll Schluss sein. „Ich hoffe, dass sich dann ein Anderer für das Amt findet.“ Der gebürtige Tegeler, erzählt mit genauso viel Herzblut von früher wie vom Ist-Zustand der Insel. Zu Mauerzeiten war die Insel brechend voll. 400 Lauben gab es, bis ans Ufer heran war Reiswerder bebaut. In den 1970er-Jahren schritt das Bezirksamt ein, ein 20-Meter-Streifen am Ufer wurde freigemacht, die Hütten abgetragen. „Viele Leute mussten gehen“, sagt Lothar Dally.

Eine Entscheidung, die sich bewährt hat. Wer heute vom Festland auf die Insel blickt, ahnt nichts von der Idylle hinter den Bäumen. Und wer über die Insel spaziert, wähnt sich im Dschungel, so dicht ist das Blätterdach, türmen sich abgestorbene Stämme am naturbelassenen Ufer. Lothar Dally erzählt von Bussarden, Fischreihern, Bibern und Wildschweinen, die immer mal schwimmend die Insel erreichen. „Für diese Naturerlebnisse nimmt man doch gern ein paar Abstriche beim Komfort in Kauf.“

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