EU-Beitritt : Im Speckgürtel von Stettin

Haben in Rosow ihr Paradies gefunden: Die polnische Familie Popiela.
Haben in Rosow ihr Paradies gefunden: Die polnische Familie Popiela.

Die Deutschen kaufen uns auf, fürchteten die Polen vor dem EU-Beitritt: Jetzt sind es die Nachbarn, die Land und Häuser kaufen

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06. Februar 2014, 15:29 Uhr

Der Nordosten Brandenburgs begrüßt die Besucher mit viel Landschaft und wenig Mensch. Hier endet die Welt, sagen die einen. Hier ist das „gelobte Land“, sagen die anderen. Fakt ist: Die Uckermark leidet unter der Abwanderung. Doch Radoslaw Popiela gehört mit seiner Familie zu denen, die in der Grenzregion unweit von Gartz ihr Paradies gefunden haben. Als er vor sechs Jahren mit seiner Frau Dominika durch die Uckermark fuhr, verliebte sich das Paar in den kleinen Ort Rosow und das alte Haus im Schmiedeweg. Rosow gehört zum Amt Gartz, das rund 267 Quadratkilometer umfasst und nur 7000 Einwohner hat. Etwa 700 von ihnen sind aus Polen. Ihre Geschichte beginnt oft mit Hilfe der Popielas. Die Familie kaufte das Haus 2008, kehrte Stettin den Rücken und zog um.

Obwohl die Entscheidung ihr nicht leicht gefallen ist: „Doch die Vorteile lagen auf der Hand“, sagt der 37-jährige Popiela, der bis dahin als Generalsekretär der Demokratischen Partei (PD) in Warschau tätig war. In Rosow wurde er Immobilienmakler. „Es war aber mehr Zufall“, sagt er schmunzelnd. Nachdem die Popielas in Rosow heimisch wurden und als Pioniere der polnischen Ansiedlung galten, mehrten sich die Anfragen. Ihre Landsleute fragten sie nach Häusern, Wohnungen und Formalitäten, die damit verbunden waren. Mittlerweile bietet der Immobilienmakler ein „Siedlungspaket“ an, auch angesichts der Tatsache, dass viele Polen wenig oder kein Deutsch sprechen und sich nicht im deutschen Behördendschungel auskennen. Popiela begleitet sie zur Meldestelle, Bank oder zur Zulassungsstelle.

Probleme gebe es keine, sagt er. Zwar habe mal ein älterer Herr gesagt, dass er lieber junge deutsche Familien als polnische im Ort hätte, aber so sei es auch in Ordnung. „Die Deutschen sehen, wir retten die Häuser vor dem Verfall, beleben das Dorf, organisieren Veranstaltungen“, sagt Dominika Popiela, die vor dem Umzug an der Medizinischen Akademie in Stettin arbeitete.

Wenn es Alltagskonflikte gibt, dann werden sie vor allem im Garten ausgetragen. Der Pole sieht kein Problem, den Rasen auch abends und am Wochenende zu mähen, oder Gartenabfälle hinter dem Haus zu verbrennen, der Deutsche würde nie auf die Idee kommen. „Viele wissen auch nicht, dass sie in Deutschland eine KFZ-Steuer zahlen müssen“, sagt Popiela. „In Polen ist diese im Benzinpreis enthalten.“ Es sind diese Stolperfallen, die anfangs zwar zu Missverständnissen führen, die aber auch schnell ausgeräumt sind.

Das ist wichtig, denn im Amt Gartz ist mittlerweile jeder zwölfte Einwohner aus Polen. Das liegt mitunter auch an den Immobilienpreisen: In Stettin zahlt man für eine 60 Quadratmeter große Wohnung, etwa 80 000 Euro. Nur 20 Minuten Autofahrt entfernt, in Rosow, kann man ein Haus mit einer Fläche von 300 Quadratmetern und einem großen Grundstück für diese Summe kaufen.

Und noch einen Vorteil gibt es. „Unsere Kinder wachsen zweisprachig auf“, sagt Dominika Popiela. „Somit sind sie bestens für die Zukunft gerüstet“. Ihre zwei Söhne, Kajetan achteinhalb, und Franek, sechs Jahre alt, sprechen mittlerweile Deutsch gar mit einem leicht uckermärkischen Klang.

„Wir hatten Glück mit den Familien, die hierher kamen“, sagt Frank Gotzmann, der Amtsdirektor von Gartz. Es fallen Worte wie anständig, engagiert, angepasst. Im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern lief es nicht so reibungslos ab. Es gab Probleme mit den polnischen Einwanderern, die NPD nutzte dies für eine antipolnische Kampagne und sicherte sich damit zwei von 14 Plätzen im Gemeinderat Löcknitz. Gotzmann räumt zwar ein, dass in Gartz die Einheimischen anfangs gegenüber den Neubürgern aus Polen skeptisch waren. „Jetzt sind aber viele froh, die Polen hier zu haben.“ Es gibt Firmenneugründungen, Arbeit für örtliche Handwerker, die bei der Renovierung der Häuser helfen, ein Dorfleben und mehr Kindergartengruppen. Sogar Wartelisten für die Kita gibt es wieder.

Nach Gartz kommen vor allem junge Familien, die meisten haben einen Hochschulabschluss. Es sind Architekten, Juristen, Ärzte darunter – aber auch Handwerker und Polizisten. Anders als noch vor einigen Jahren, als die Menschen nur wegen der Sozialleistungen gekommen sind. Nun sprechen Einheimische gar von einer neuen Mittelschicht, die für einen Aufschwung in der Gegend sorgt.

In Stettin arbeiten viele der Polen, die nun in der Gartzer Region leben. „Wir orientieren uns an Stettin. Für uns ist es eine Art Hoffnung“, sagt Gotzmann. Die Stadt hat 500 000 Einwohner. Der Trend hält an, die Polen siedeln sich weiter gern in der Region an – auch wenn Gotzmann nicht direkt in Polen um neue Einwohner wirbt.

Die Polen fühlen sich in Brandenburgs Nordosten wohl. Doch nicht alles ist Gold was glänzt. Denn die Probleme bleiben trotzdem: Auf beiden Seiten der Oder ist die Arbeitslosigkeit relativ hoch, die wirtschaftliche Lage lässt einiges zu wünschen übrig. Auch bei einigen polnischen Einwanderern kam nach der „Verliebtheitsphase“ die Ernüchterung. Ihre Kinder müssen auf eine weiterführende Schule nach Schwedt oder Angermünde fahren, das möchten viele Eltern ihrem Nachwuchs nicht zumuten.

Der Immobilienmakler Radoslaw Popiela kennt die Klagen, sagt aber immer wieder: „Man muss sich auf das Leben hier auf dem Land einlassen. Es ist nicht für jeden geeignet“. Die Dörfer mit dem Postkarten-Panorama müsse man mögen, mit einer Großstadt sind sie nicht vergleichbar. Für die Popielas aber ist es der beste Ort in der Welt.

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