Ein Ortsbesuch : Im Land der Mühlen

Riesen hinterm Zaun: Rainer Ebeling (l.) und Hartmut Konipanzki von der Bürgerinitiative Crussow stehen vor einem Haus, das nur 850 Meter von den Windrädern entfernt ist.
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Riesen hinterm Zaun: Rainer Ebeling (l.) und Hartmut Konipanzki von der Bürgerinitiative Crussow stehen vor einem Haus, das nur 850 Meter von den Windrädern entfernt ist.

Das Uckermark-Dorf Crussow kämpft gegen neue Windräder

svz.de von
09. Juli 2015, 10:00 Uhr

Als die ersten acht Windräder standen, haben die Menschen in Crussow noch mit den Schultern gezuckt. Als fünf weitere auf den hügeligen Feldern in der Nachbarschaft errichtet wurden, ging ein Murren durch das Dorf. Doch künftig sollen fünf Mal so viele Rotoren in dem idyllischen Angermünder Ortsteil, in der Nähe des Nationalparks stehen. Schattenwurf, Blinklichter, Rauschen – viele Anwohner empfinden Windräder zunehmend als störend. Daher wächst der Widerstand gegen neue Rotoren, deren Zahl die Landesregierung verdoppeln will. Ein Ortsbesuch in der Uckermark.

„Es reicht“, sagt Hartmut Konipanzki. Der 75-Jährige gehört einer Bürgerinitiative an, die den Regionalplanern zusetzt. Früher arbeitete er als Projektingenieur im PCK Schwedt und wollte im Ruhestand eigentlich zur Ruhe kommen. Jetzt sitzt er im Garten und fuchtelt mit kopierten Plänen herum, die vor allem eines zeigen: Crussow wird immer mehr von Windkraftanlagen umzingelt.

Dabei ist der Rentner niemand, der immerwährend jammert, sondern er versucht, mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Mit aufwendigen Grafiken zeigt er auf, wie die Sonne vor allem im Frühjahr und Herbst hinter den Türmen untergeht und durch die Rotorblätter lange Schatten auf sein Haus fallen.

„Diese Schlagschatten können einen verrückt machen“, sagt Konipanzki. „Es ist so, als wenn jemand Licht ständig an- und ausknipst.“ Dann muss er mitunter schon am Nachmittag die Jalousien herunterlassen. Aber auch rote Blinklichter auf den Gondeln stören die Anwohner. Hinzu kommen die Geräusche der Rotoren. „Wupp, wupp, wupp“, ahmt Konipanzki sie nach. Über 500 Türme recken sich schon laut einem Branchenverzeichnis in der Uckermark empor, über 3300 sind es in Brandenburg. Konipanzki kennt zwei Familien, die aus seinem Ort weggezogen sind, weil sie einfach keine Rotoren mehr sehen konnten. „Abhauen würden weit mehr, aber man gibt Haus und Hof nichts einfach auf“, sagt er.

Dabei wollen die Windradgegner die Energiewende nicht gänzlich verteufeln. „Wir wollen aber bei den Entscheidungen über neue Standorte ernsthaft mitreden“, sagt Rainer Ebeling, der sich sowohl in der Crussower Bürgerinitiative als auch in der Volksinitiative „Rettet Brandenburg“ engagiert.

Der 54-jährige Computerfachmann kritisiert das „destruktive Handeln der Behörden“. Diskussionen würden schnell erstickt, Windkraftgegner als Störenfriede bezeichnet, meint er. Gleichzeitig gebe es kaum noch Kontakte zu Investoren. „Früher haben die sich in den Orten vorgestellt, man konnte reden. Heute werden uns die Spargel vor die Nase gesetzt.“ Dies steigere den Frust.

Die Volksinitiative, ein Zusammenschluss von über 70 lokalen Gruppen, hat wie schon im Jahr 2009 Unterschriften gegen Windräder gesammelt, knapp 30  000 sind diesmal zusammengekommen, die heute der Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) in Potsdam übergeben werden. Nun muss sich der Landtag damit befassen.

Nach wie vor sind vor allem die Mindestabstände zwischen Siedlungen und Windparks umstritten. Während die Volksinitiative fordert, die zehnfache Höhe der Anlagen müsse für die Berechnung herangezogen werden, lehnt dies die rot-rote Koalition in Brandenburg ab. Zwar sicherte die SPD am Dienstag zu, die eigenen Ausbauziele zu überprüfen, will aber nicht über größere Abstände diskutieren.

Die Crussower Bürgerinitiative hofft auf einen Umschwenken in Potsdam. „Es ist eine politische Entscheidung, sonst strampeln wir uns vergeblich ab“, betont Ebeling. Als Beispiele nennt er Sachsen und Bayern, wo die geforderte Abstandsregel bereits umgesetzt wird. Er ist überzeugt: „Ohne Rückhalt in der Bevölkerung wird der Windkraftausbau nicht gelingen.“

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