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Geschichte : „Ich hatte keine Jugend“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mit 15 wird Georg Strauss Flakhelfer, mit 16 muss er zum Arbeitsdienst, und mit 17 wird er Soldat Den dreimonatigen Kampf um Küstrin erlebt er vollständig mit

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erstellt am 16.Feb.2015 | 11:31 Uhr

Jedes Jahr um diese Zeit kommen die Erinnerungen wieder, sagt Georg Strauss. Er als Soldat im Zug nach Küstrin, sein 18. Geburtstag, den er im Februar 1945 im Schützengraben feiert. Der Stellungskrieg um die Stadt. Der Abschnitt, den seine Einheit halten soll. Das Gesicht seines Kompaniechefs. Der finale Sturmangriff der Roten Armee auf die Festung. Wie Fotografien sind die Bilder von damals in sein Gedächtnis eingebrannt. Georg Strauss hat die Belagerung der zur Festung erklärten Stadt Küstrin vom Anfang bis zum Ende mitgemacht. Er ist einer der wenigen, die diese Kämpfe, die sich ein Vierteljahr hinziehen, überlebt. Und vielleicht ist er der Letzte, der davon noch erzählen kann.

Georg Strauss lebt heute in Woltersdorf (Oder-Spree), ist gerade 89 geworden und in Berlin aufgewachsen. Er sagt, er sei der „typische Jahrgang 27“. „Uns hat man noch die ganze Hitler-Ideologie eingepaukt. Und wir waren die Letzten, die als Soldaten eingezogen wurden.“ Im Frühjahr 1945 werden sie an der Oder verheizt, im Kessel von Halbe und während des Endkampfes um Berlin. In Halbe liegen auch Jungs, mit denen er zur Schule gegangen ist. Warum haben sie sich für einen verlorenen Krieg umbringen lassen? „Das war eben die Zeit und die Erziehung“, sagt Strauss.

Die Erziehung zum Soldatsein beginnt früh. Erst Wehrlager, dann die Ausbildung zum Luftwaffenhelfer. Strauss ist 15, als seine Klasse den Flakstellungen von Zeuthen und Schönefeld zugeteilt wird, die die alliierten Bomber abwehren sollen. Für die Jungs riecht das nach Abenteuer. Angst hat Strauss nicht. Obwohl einige dieser Kindersoldaten ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen.

Mit 16 wird Strauss zum Reichsarbeitsdienst nach Litauen abkommandiert. Für die Verteidigung Ostpreußens schaufelt er dort Schützengräben. Während der Wühlerei greifen schon sowjetische Tiefflieger an. „Auf Fahrrädern sind wir vor den ersten russischen Panzern geflüchtet.“ Mit den Entlassungspapieren des Arbeitsdienstes bekommt er die Einberufung zum Panzergrenadierersatzbataillon 50, das in Küstrin stationiert ist. Zwischen Küstrin und der Front liegen in diesem Sommer 1944 noch mehrere hundert Kilometer. Küstrin, das fühlt sich erst mal nicht bedrohlich an.

Flakhelfer, Arbeitsdienst, Wehrmacht – dann Gefangenschaft, das ist die Jugend von Georg Strauss. Als der Publizist Matthias von Hellfeld Mitte der 80er-Jahre zum ersten Mal eine Dokumentensammlung über die Jahrgänge 1926 bis 1930 veröffentlicht, nennt er die Männer im Alter von Georg Strauss „die betrogene Generation“. Strauss schimpft auf Hitler, der ihm die besten Jahre des Lebens geraubt habe. „Ich hatte keine Jugend.“ Als er in die Stülpnagel-Kaserne von Küstrin einrückt, ist er einer der Jüngsten dort. Ein Rekrut von gerade 17 Jahren. Er erinnert sich, wie die Neuen jeden Tag antreten müssen, weil für alles Mögliche Freiwillige gesucht werden. Er fragt seinen Vater, mit welchen Talenten er sich hervortun könnte, und der schärft ihm ein: „Junge, du bist doof wie Bohnenstroh. Du meldest Dich für nichts!“

Im September 44 besuchen ihn seine Eltern in Küstrin. Das ist für fünf Jahre das letzte Mal, dass sie sich sehen. Sie lassen noch ein Foto machen. Das Bild – ein blonder Bubi, der sich als Soldat verkleidet hat – hütet Strauss im Familienalbum. Vielleicht liegt es an seiner Unschuldsmiene, dass er bei seiner Grundausbildung in Jütland von einem Dänen angesprochen wird, der ihm helfen will zu desertieren. Strauss zögert. Und über dieses Zögern denkt er bis heute nach. Aber abhauen, sagt er, sei lebensgefährlich gewesen. Selbst in Dänemark, wo der Krieg nicht zu spüren ist, haben die deutschen Besatzer Deserteure erschossen oder aufgehangen.

Um die Jahreswende 44/45 muss er nach Küstrin zurück. Drei Wochen später steht die Rote Armee vor der Stadt. Noch sind die Deutschen zuversichtlich. Mit schwerer Artillerie beschießen sie von der Festung aus die Oder-Brückenköpfe der Roten Armee. Deutsche Stukas bombardieren die russischen Behelfsbrücken. „Da haben wir gejubelt“, sagt Strauss. Aber dann wird es enger und enger für die Stadt. Die Moral bröckelt. „Die gestandenen Soldaten hatten die Schnauze voll vom Krieg. Aber ich, ich hatte ja keine Ahnung.“ Strauss ist Melder, flitzt zwischen den vordersten Linien und dem Stab hin und her. „Ich hatte nicht mal ein Gewehr dabei.“ Das ist ihm zu viel Ballast auf seinen Meldegängen. Man soll wissen, dass er nie auf jemanden geschossen hat. Das ist ihm wichtig.

Er beobachtet, wie sich nach Wochen des aussichtslosen Kampfes Generalstabschef Heinz Guderian mit seinem Panzergefolge über die Eisenbahnbrücke von Küstrin absetzt – und danach die Brücke sprengen lässt. Die Männer in der Festung sitzen in der Falle. „Trotzdem war ich mir sicher, dass ich das überlebe. Irgendwie.“ Dann Ende März der Großangriff. Strauss schleppt seinen nachtblinden Kompaniechef in einen Unterstand, den sie Wochen vorher ausgebaut haben. Der Bunker hält dem zweistündigen Trommelfeuer stand. Als das vorbei ist, rennen sie in ihre Kaserne zurück, wo sich die letzten Verbände in die Kasematten verkriechen. Die russischen Panzer schießen in die Keller. Die Wucht der Granaten in den engen Räumen ist fürchterlich. „Den Männern wurden Arme, Beine, Köpfe abgerissen.“ Dort unten jagt sich sein Kompaniechef eine Kugel in den Kopf.

Strauss irrt nun allein durch die Gänge. Dann winkt ihm ein Russe durch ein Loch in der Mauer zu, sagt, er solle rauskommen und hinter die Kaserne laufen. Da sei für ihn der Krieg zu Ende. Strauss muss den Kopf einziehen, weil die SS auf jeden Deutschen schießt, der nicht mehr kämpfen will. Als er den Sammelplatz erreicht, sieht er ein Dutzend Reiter zu den Gefangenen traben. „Einer saß auf einem glänzend weißen Pferd. Das war Schukow.“ Der Marschall hält eine kurze Ansprache. „Ein beeindruckender Mann“, sagt Strauss.

Er hat das Inferno von Küstrin überlebt. Nun folgt die Hölle von Sibirien. Die Straflager, das Leben in überdachten Erdlöchern, wo sich die Kriegsgefangenen auf dreistöckigen Pritschen drängen, wie man das von Auschwitz-Birkenau kennt. Ungeziefer in Massen. Minus 57 Grad im Winter. Wer nicht aufpasst, dem frieren sofort Nase und Ohren ab. Es gibt kaum zu essen. Jeder beklaut jeden. Die Männer sind wie Tiere. „Für ein Stück Brot haben sie sich umgebracht.“ Strauss verhungert nicht, weil er den Pferden Hafer klaut. In diesem Elend, sagt Strauss, sei er zum Antifaschisten geworden.

1949 darf er nach Deutschland zurück. Seine Eltern, die bis dahin nicht mal wissen, ob er den Krieg überlebt hat, hören im Radio von der Ankunft eines neuen Heimkehrer-Transports. Ihr Sohn steht mit auf der Liste, sein Name wird im Radio genannt. Auf dem Bahnsteig laufen sie mehr als einmal an ihm vorbei. Sie erkennen ihn nicht mehr. Wieder Zivilist, trifft Strauss alte Schulfreunde, denen das Soldatsein erspart geblieben ist. Gehen sie mit ihm aus, sitzt er wie ein Stein zwischen ihnen und schweigt. „Ich konnte nicht erzählen, was ich erlebt habe. Sie hätten es mir nicht geglaubt.“

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