Sprachmischungen: : Hier spricht man ’Viadrinisch’

Untersucht Sprachmix: Dagna Zinkhahn Rhobodes
Untersucht Sprachmix: Dagna Zinkhahn Rhobodes

„Am Anfang habe ich mich gewundert, aber dann recht schnell Viadrinisch gelernt“, berichtet Dagna Zinkhahn Rhobodes. Dass der spielerische Umgang mit den beiden Sprachen einmal zum Thema ihrer Doktorarbeit werden würde, konnte sie damals freilich nicht ahnen.

svz.de von
30. November 2014, 13:45 Uhr

„Poczestiert euch!“ oder „Schaffnjesz to we friscje!“ – zwei Wort- und Satzspiele, die kaum ein Pole oder Deutscher versteht, der nicht wenigstens etwas mit der Sprache des Nachbarlandes vertraut ist. Der erste Ausdruck ist eine freundliche Aufforderung, sich zu bedienen, etwa wenn Süßigkeiten auf dem Tisch stehen. Und der zweite eine Art Aufmunterung („Du schaffst das garantiert fristgerecht.“), wenn beispielsweise der Abgabetermin einer Hausarbeit gnadenlos näher rückt. Solche Sprachmischungen, die man in Wohnheimen und Seminarräumen der Europa-Universität hört, haben Dagna Zinkhahn Rhobodes schon fasziniert, als sie vor neun Jahren zum Studium an die Oder kam. „Am Anfang habe ich mich gewundert, aber dann recht schnell Viadrinisch gelernt“, berichtet die junge Polin. Dass der spielerische Umgang mit den beiden Sprachen einmal zum Thema ihrer Doktorarbeit werden würde, konnte sie damals freilich nicht ahnen.

„Im Gegenteil. Meine Masterarbeit habe ich über eine deutsche Sprachminderheit in Brasilien geschrieben. Was aber auch damit zu tun hatte, dass mein Mann aus einer deutsch-brasilianischen Familie kommt“, erzählt die Nachwuchswissenschaftlerin. Dass der „Viadrinisch“-Mix eine größere Bedeutung haben könnte, sei ihr erst bewusst geworden, nachdem sie immer öfter die Meinung hörte, dass die Sprachgrenze zwischen Deutsch und Polnisch eine der härtesten in Europa sei. „Na, das wollen wir doch mal sehen!“, habe sie sich irgendwann gedacht.

Für ihre Promotion untersucht sie das Misch-Phänomen aber nicht nur an der Viadrina, sondern vergleicht es mit zwei deutsch-polnischen Schulen in Frankfurt (Oder) und Berlin. „Mich interessieren die unbewussten Regeln, nach denen einzelne Worte, Wortgruppen oder ganze Satzteile miteinander kombiniert werden“, erläutert sie. Zweisprachig aufgewachsene Kinder verwenden öfters Alltagsausdrücke wie etwa „Wyräujmuj Spülmaschine“ („Räum die Spülmaschine aus!“), hat sie festgestellt.

Dass ihr Thema weniger abwegig ist, als es auf den ersten Blick erscheint, lässt sich auch daran ablesen, dass die Doktorandin bereits zu Konferenzen in Sankt Petersburg, Barcelona und Neu Delhi eingeladen wurde. Sprachmischungen treten in vielen Kombinationen auf. Man denke nur an „denglische“ Ausdrücke wie: „Der Flug wurde gecancelt.“ oder „Ich habe das Programm gedownloadet.“

Wie es um die Zukunft des Viadrinischen bestellt ist, kann Dagna Zinkhahn Rhobodes aber nicht sagen. „Leider wird es von mehr Polen als Deutschen gesprochen, weil Letztere sich weniger für ihr Nachbarland interessieren.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen