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Digitales Herz der Polizei : „Hexe Hedwig ist am Apparat“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die neue Leitstelle in Potsdam wurde für Millionen Euro technisch hochgerüstet und ist nun Schauplatz mancher Skurrilitäten.

Immer wieder in der Nacht klingelt das Telefon und Hexe Hedwig ist am Apparat. Eine Frau, die sich tatsächlich unter diesem Namen vorstellt und den Polizisten in der Leitstelle darüber berichtet, wie sie den Tag verbracht hat. „Jede Schicht kennt sie“, sagt Christian Hylla. Doch Belehrungen, dass der Notrufmissbrauch strafbar ist, sind in diesem Fall nutzlos: „Die Frau ist schuldunfähig.“

Bei einem anderen Anruf drehte es sich um eine mutmaßliche Freiheitsberaubung. Ein Mann gab an, gefesselt in einem Zelt zu liegen, mitten auf einem Festivalgelände. Als die Streifenwagen mit Blaulicht vor Ort eintreffen, nachdem das Handy des Anrufers geortet wurde, schläft dieser friedlich – ohne Fesseln. „Da waren Drogen im Spiel“, sagt Hylla und schraubt mit dem Finger an der Schläfe.

1200 Notrufe werden in der neuen, zentralen Polizeileitstelle in Potsdam jeden Tag bearbeitet und der alltägliche Wahnsinn ist für die Beamten längst Normalität. Alle Facetten des Lebens schlagen in dem Großraumbüro in Potsdam Eiche auf. Stressig wird es dort vor allem dann, wenn viele Betrunkene unterwegs sind, etwa zu Himmelfahrt oder bei großen Volksfesten. Gleichsam führen schwere Unfälle zu ständig klingelnden Telefonen in der Leitstelle. Ein Crash auf der Autobahn werde mitunter von Hunderten Anrufern fast gleichzeitig per Handy gemeldet, berichtet der 38-Jährige. Dies sei auch in Ordnung. „Schlimm wäre es, wenn alle achtlos vorbeifahren.“

Wer in den Weiten Brandenburgs die 110 wählt, landet seit Juli im neuen Einsatz- und Lagezentrum (ELZ), dem Herzstück der Polizei, in das vom Land rund fünf Millionen Euro investiert wurden. Diese Konzentration auf eine Leitstelle sei bundesweit einmalig, ebenso die Umstellung auf digitale Kommunikation, sagt der stellvertretende Leiter des ELZ.

So wird dort ausschließlich über das Internet telefoniert, auch Voice over IP genannt, was bei der Telekom momentan zu großen Problemen führt. „Das läuft bei uns reibungslos“, meint Hylla. Gefunkt wird ebenfalls digital – zugunsten der Sprachqualität. „Dieses Knacken und Rauschen gehört der Vergangenheit an“, so der Polizeioberrat.

Auch die Probleme mit Funklöchern sind nach seinen Angaben vollständig überwunden – über ein Netz mit 220 Sendemasten können die insgesamt zwölf Leitstellen-Mitarbeiter die rund 100 Streifenwagen in jedem Winkel des Landes erreichen. Als kleine Fähnchen bewegen sich die „Einsatzmittel“ über die Monitore. Ähnlich wie in einer Taxizentrale ist dort ihr Status sichtbar: Hellgrüne Wagen sind frei, gelbe sind beschäftigt.

In einem Flächenland sei die Zeit ein wichtiger Faktor, verdeutlicht Hylla. Daher berechnen heute Computer den schnellsten Weg zum Tatort oder der Unfallstelle. Ebenso wird in Sekundenbruchteilen kalkuliert, welcher Wagen den Auftrag am schnellsten übernehmen kann. Es ist ein bisschen wie im Computerspiel.

Dabei sind selbst die Fahrzeuge hochgerüstet: Über GPS können sie auf einen Meter genau geortet werden, ebenso die Beamten. Fahrzeug-Kameras dokumentieren das Geschehen; Einsatzprotokolle tippen die Beamten in ihre Laptops. Theoretisch könnten die Streifenpolizisten auch Daten in die Dienststellen senden, doch dafür wurde das Digitalfunknetz der Behörden noch nicht freigeschaltet. „Das wird noch getestet“, so Hylla.

Mit der Zusammenlegung der bisherigen Leitstellen in Potsdam und Frankfurt (Oder) wurde auch Personal ausgetauscht. Fast sämtliche der bisher in der Oderstadt tätigen Mitarbeiter seien versetzt worden. „Freiwillig“, betont Hylla. Für sie sei der Arbeitsweg zu weit. Im Gegenzug mussten mehr als 40 Polizisten in einem halbjährigen Lehrgang qualifiziert werden. „Der Job ist emotional und psychisch anspruchsvoll“, erklärt Hylla. „Was hier in der ersten Minute falsch gemacht wird, holt man nicht wieder auf.“ Daher seien die Kollegen geschult, möglichst viele Informationen den Anrufern zu entlocken und parallel schon erste Maßnahmen zu starten. Auch ein Täterprofil wird in den Computern schnell ermittelt: Beispielsweise fragen die Polizisten in der Leitstelle bei einem Notruf wegen häuslicher Gewalt sämtliche Datenbanken ab, um zu erfahren, ob der Täter womöglich bewaffnet ist. „Wir können nicht ins offene Messer laufen“, betont Hylla.

Bei schweren Fällen wie Geiselnahmen drückt der Beamte sofort einen Knopf, eine rote Lampe springt an. „Dann startet hier eine Großoperation.“ In einem abgeschotteten Raum kommt der Führungsstab der Polizei zusammen, der sich modernster Technik bedient – bis hin zu Live-Bildern aus Helikoptern. „Wie im Film läuft das dennoch nicht ab, sondern viel, viel ruhiger“, betont Hylla.

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