Gute Chancen auf die Freiheit

Die Mutter der neun toten Babys von Brieskow-Finkenheerd will aus der Haft kommen

von
21. August 2015, 16:00 Uhr

Selten hat ein Fall so hohe Wellen geschlagen, wie der von Sabine H. – der Mutter der neun getöteten Babys von Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree). Im Juni 2006 war die damals 40-Jährige zu 15 Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden. Inzwischen hat sie zwei Drittel der Strafe abgesessen und bereitet sich auf ihre Freiheit vor. Schon im September könnte es soweit sein. Nächste Woche soll die Entscheidung fallen.

H.s Anwalt Matthias Schöneburg hatte im Frühjahr einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt. Schöneburg, der als ­einer der besten in der Riege der Brandenburger Strafverteidiger gilt und auch den Mörder und Kinderschänder Frank Schmökel einst verteidigte, will erreichen, dass die restliche Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Die Anhörung dazu findet vor der Strafvollstreckungskammer am Landgericht Cottbus statt, wie die Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) bestätigte. H. verbüßt ihre Strafe in Luckau-Duben (Dahme-Spreewald); Brandenburgs Frauengefängnis liegt im Zuständigkeitsbereich des Cottbuser Landgerichts.

Sabine H. wird bei diesem Treffen selbst zu Wort kommen. Neben ihr und ihrem Anwalt könnte auch ein Vertreter der Staatsanwaltschaft Platz nehmen. Vierter im Bunde wäre dann der zuständige Richter, der aufgrund der Aktenlage, der Befragung H.s und der Stellungnahme der JVA entscheidet. Besagte Stellungnahme liegt der Frankfurter Staatsanwaltschaft inzwischen vor. Über den Inhalt ist nichts bekannt. Auch nicht, welche Empfehlung das Gefängnis gibt.

Über den Ausgang der Anhörung lässt sich nur spekulieren. Allerdings scheint die Chance auf Entlassung groß zu sein. Es heißt, dass sich Sabine H. in der JVA gut geführt habe. Sie hat ein Fernstudium der Malerei abgeschlossen und viele Bilder im Gefängnis gemalt. Inzwischen hat H. ein Psychologiestudium begonnen. Und ihr Anwalt betont stets, dass sie für die Öffentlichkeit keine Gefahr sei und keine Kinder mehr bekommen könne.


Ehemann will nichts gewusst haben


Seit zehn Jahre sitzt Sabine H. nun im Gefängnis. Am 1. August 2005 war Haftbefehl gegen sie ergangen. Einen Tag zuvor hatte ihr Neffe die Garage auf dem Grundstück ihrer Eltern in Brieskow-Finkenheerd aufgeräumt – und dabei die erste Babyleiche gefunden, in einer mit Blumenerde gefüllten Plastiktüte, die in einem alten Aquarium steckte. Als die Polizei das Gelände durchforstet, werden die sterblichen Überreste weiterer acht Säuglinge entdeckt.

Sabine H. hatte die kleinen Leichname – in Plastiktüten und Stoffreste gewickelt – in allen möglichen Behältern versteckt, die sie mit Erde auffüllte und – mit Blumen und Kräutern bepflanzt – zunächst auf ihrem Balkon aufbewahrte. Nach und nach brachte sie die Gefäße und Töpfe zum elterlichen Grundstück, weil ihr in ihrer Wohnung in Frankfurt der Platz ausging.

Sieben Mädchen und zwei Jungen hat Sabine H. zwischen 1988 und 1998 lebend geboren und getötet, indem sie sie nicht versorgte. Das Landgericht in Frankfurt verurteilte sie in acht Fällen. Die Tötung des 1988 geborenen Babys war verjährt.

Vater aller getöteten Kinder ist Ex-Mann Oliver H. Als die Tötungsserie begann, hatte das Paar bereits drei Kinder. Er soll gegen eine weitere Schwangerschaft gewesen sein. Die Ehe galt als gescheitert. Das Paar wohnte in Frankfurt in einem Hochhaus am Platz der Demokratie. Er arbeitete bei der Staatssicherheit. Sie war Hausfrau und Mutter – eine Rolle, die die gelernte Zahnarzthelferin nicht ausfüllte, wie sie im Prozess sagte. Sabine H. begann zu trinken.

Die vielen Schwangerschaften habe sie ihrem damaligen Mann gegenüber geheim gehalten, erzählte sie vor Gericht. Sie habe Angst vor einer Trennung gehabt, sei abhängig von ihm gewesen. Von den heimlichen Geburten und den vielen toten Kindern will ihr Mann nichts gewusst haben. Er blieb von der Strafverfolgung verschont. Sabine H.s jüngstes Kind ist inzwischen zwölf Jahre alt. Den Vater des Mädchens hatte sie nach ihrer Scheidung 2001 kennen gelernt. Es blieb eine kurze Beziehung.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen