Kulturwelterbe : Große Ambitionen in Bernau

Bald Unesco-Welterbe? Ulrich Wiegand (l.), Geschäftsführer der HWk-Berlin, Michaela Waigand (Vize-Bürgermeisterin von Bernau), Friedemann Seeger, Vorsitzender des Vereins Baudenkmal Bundesschule Bernau, und Kulturstaatssekretär Martin Gorholt besuchen die ehemalige Gewerkschaftsschule.
Bald Unesco-Welterbe? Ulrich Wiegand (l.), Geschäftsführer der HWk-Berlin, Michaela Waigand (Vize-Bürgermeisterin von Bernau), Friedemann Seeger, Vorsitzender des Vereins Baudenkmal Bundesschule Bernau, und Kulturstaatssekretär Martin Gorholt besuchen die ehemalige Gewerkschaftsschule.

Ehemalige Gewerkschaftsschule soll auf die Unesco-Welterbeliste. Die Vorbereitungen für die Antragstellung laufen

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03. August 2015, 18:38 Uhr

Friedemann Seeger ist ein Mann mit Blick für Details. Der Vorsitzende des Vereins Baudenkmal Bundesschule Bernau erklärt die raffinierte Lichtführung in der ehemaligen Bibliothek und den Unterrichtsräumen und die ausgeklügelte Fenstermechanik in der ehemaligen Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. In den Jahren 1928 bis 1930 entstand am Rande von Bernau der Gebäudekomplex nach Entwürfen des damaligen Direktors des Bauhauses, Hannes Meyer, und des Leiters der Bauabteilung, Hans Wittwer.

Das Schul- und Internatsgebäude sowie die Lehrerhäuser schmiegen sich perfekt in die leicht hügelige Landschaft um einen kleinen See. Letzterer ist auf dem Modell in der Ausstellung des Fördervereins in einem der Lehrerhäuser zu sehen. Landeskonservator Thomas Drachenberg spricht in einer schriftlichen Bewertung der Bundesschule von einem Hauptwerk des Bauhauses, vom innovativen Stil „der bedeutendsten Architektur-, Kunst- und Designhochschule des 20. Jahrhunderts, die mit ihren bahnbrechenden künstlerischen und gesellschaftlichen Ideen die Entwicklung der Moderne grundlegend beeinflusste“.

Das Loblied kommt nicht von ungefähr. Der Bernauer Schulkomplex soll auf die Welterbeliste der Unesco. Als Erweiterung des Dessauer Bauhauses. Schon 2016 soll der entsprechende Antrag gestellt werden. Kulturstaatssekretär Martin Gorholt ist optimistisch, dass das Vorhaben gelingen wird. Die Unterstützung von Sachsen-Anhalt scheint sicher. Das Nachbarland will das bereits eingetragene Welterbe gleichzeitig um die Laubenganghäuser in Dessau-Törten erweitern lassen. Beide Länder ziehen an einem Strang, sagt Gorholt. In jedem Fall lasse sich der Versuch besser an als die bisher erfolglosen Bemühungen, den Pücklerpark in Cottbus-Branitz dem bestehenden Weltkulturerbe im sächsischen Bad Muskau hinzuzufügen.

Die nächste Sitzung, bei der die Unesco über ihre Liste berät, findet 2017 statt. Ob es gelingt, so schnell die höchsten Weihen zu erhalten, steht in den Sternen.

Bei einer Besichtigung vor Ort waren sich vergangene Woche Gorholt als Vertreter des Landes, der Förderverein, die Stadt Bernau und die Vertreter der Berliner Handwerkskammer, die die Schule nach umfassenden Sanierungsarbeiten für die Lehrlingsausbildung nutzt, einig, dass so schnell wie möglich das Umfeld in Angriff genommen werden muss. Der Bund hat dafür Fördergelder in Höhe von 1,2 Millionen Euro zugesagt. Wenn die Vertreter von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) nach Bernau kommen, um später für die Unesco eine Wertung abzugeben, müssen die Veränderungen schon erkennbar sein.

Eine ehemalige Mensa aus DDR-Zeiten soll abgerissen werden. Ein Konzept für ein Besucherzentrum muss her: entweder im Gebäudekomplex selbst oder gegenüber. Die Sichtverbindungen aus dem spektakulären Speisesaal zum kleinen See müssen wieder hergestellt und dazu das Waldesdickicht vor den Fenstern gelichtet werden. Und der fast verlandete See braucht eine neue, sichere Wasserzufuhr. Außerdem fehlt eine Broschüre für Besucher, Parkplätze müssen hergerichtet werden, und die Stadt Bernau muss potenzielle Gäste schon am Bahnhof auf die Sehenswürdigkeit und den Weg dorthin aufmerksam machen.

Michaela Waigand, stellvertretende Bürgermeisterin von Bernau, verweist darauf, dass es wenigstens schon ein Hinweisschild an der Autobahn gibt. Allerdings räumt sie auch ein, dass bislang ein größeres Hotel in der Stadt fehlt. Bernau ist momentan in Sachen Tourismus vor allem noch eine Adresse für Tagesausflüge.

In der Bundesschule selbst könnten Übernachtungsmöglichkeiten eventuell genutzt werden, auch Platz für Veranstaltungen wäre vorhanden. Zurzeit steht dem aber noch die Fördermittelbindung im Wege. Die rund acht Millionen Euro waren für den Zweck Lehrlingsausbildung vorgesehen. Nun muss unter Vermittlung des Kulturministeriums mit der Landesinvestitionsbank geklärt werden, ob auch eine stärkere touristische Nutzung möglich ist.

Der Förderverein hat im vergangenen Jahr 3000 Gäste durch den Komplex geführt. „Das Gebäude funktioniert immer noch so, wie es sich Meyer und Wittwer vorgestellt hatten“, sagt Vereinschef Seeger. Allerdings sind die Ehrenamtler auf Dauer überfordert, wenn sich über die Fachkreise hinaus herumspricht, was für ein Juwel am Waldesrand von Bernau schlummert. Das Land, dem der Grund und Boden gehört, die Berliner IHK, die einen Erbpachtvertrag für die Nutzung besitzt, und die Stadt sind in der Pflicht, auch eine tragfähige personelle Infrastruktur zu schaffen.

Das Hauptaugenmerk liegt für 2019 auf dem Bernauer Schulkomplex. Daneben soll Bauhausarchitektur in Cottbus, Brandenburg an der Havel und Luckenwalde ins Rampenlicht gerückt werden. Doch müssen sie sich die Aufmerksamkeit mit Fontane teilen, dessen 200. Geburtstag mit einem Kulturjahr gefeiert werden wird.

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