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Klinikkeime : Gefahr aus dem Krankenhaus

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Arzt ist ehrlich. „Es könnte sein, dass Tobias* die Nacht nicht überlebt“, sagt er zu Katharina Hellwig*. Ihr vier Wochen alter Sohn liegt an Schläuchen auf der Intensivstation. Dabei war doch erst alles verhältnismäßig gut gegangen.

Der Arzt ist ehrlich. „Es könnte sein, dass Tobias* die Nacht nicht überlebt“, sagt er zu Katharina Hellwig*. Ihr vier Wochen alter Sohn liegt an Schläuchen auf der Intensivstation. Dabei war doch erst alles verhältnismäßig gut gegangen. Tobias war zwar als Frühchen auf die Welt gekommen. Nach fünf Tagen im Inkubator konnte er aber schon alleine atmen. „Es ging ihm wirklich gut“, erinnert sich die Hennigsdorferin. Doch nach einem Monat bekommt ihr Sohn plötzlich eine schwere Lungenentzündung, ausgelöst durch den Krankenhauskeim MRSA.

Die Ärzte müssen operieren. „Es war eine Herz-Lungen-OP ohne Narkose, nur mit schweren Schmerzmitteln“, berichtet Katharina Hellwig. Während des Eingriffs klappen bei Tobias beide Lungenflügel zusammen. „Wenn sich sein Zustand weiter verschlechtert, können wir nichts mehr für ihn tun“, sagen die Ärzte.

Tobias überlebt. „Da war ein kleiner Engel, der uns geholfen hat“, sagt seine Mutter heute. Nach monatelangem Klinikaufenthalt wird die Hennigsdorfer Familie nach Hause entlassen. Die Sauerstoffsonde, die Tobias da noch immer zur Beatmung braucht, müssen seine Eltern nun täglich selbst reinigen. „Wir hatten ständig Angst, dass wir ihm den Keim wieder reinschieben“. Denn die MRSA-Bakterien, die neben Wunden vor allem die Haut und die Schleimhäute besiedeln, sind zäh. Zur „Sanierung“ müssen Patienten wochenlang Rachen und Nase mit antibiotischen Mitteln spülen. Alles muss bei 90 Grad gewaschen werden. Manche werden den gefährlichen Keim erst nach Wochen los, manche nach Monaten, manche nie.

Auch Familie Hellwig kann erst Ende 2011 aufatmen. Da ist Tobias’ MRSA-Abstrich negativ. Doch der kleine Junge hat übergroße Mandeln und Schwierigkeiten beim Schlucken. „Wahrscheinlich eine Folge der MRSA-Erkrankung“, vermutet der Kinderarzt und rät zur Mandeloperation. Ein Routineeingriff. Normalerweise. Doch kurz nach der OP im Virchow-Klinikum bekommt der Dreijährige hohes Fieber. Die Familie hat ein böses Déjà-vu. „Hat sich Tobias etwa erneut mit MRSA infiziert?“, fragt die Mutter. Tobias bekommt nur ein Breitbandantibiotikum. „Wir wussten schon aus Erfahrung, dass das nicht hilft“, sagt die Mutter. Sie lässt nicht locker, fragt sich bis zur Klinikleitung hoch. Meldet sich in ihrer Verzweiflung auch bei dieser Zeitung und bittet um Hilfe. „Die Stationsärztin weigerte sich anfangs mit uns zu sprechen, wurde sogar laut“, berichtet Katharina Hellwig. „Das gesamte Klinikpersonal spielte den Keim runter“.

Dann stellt sich tatsächlich heraus: Tobias hat wieder den multiresistenten Keim. „Er ist bei der Aufnahme als MRSA-frei eingestuft worden“, heißt es in einer Stellungnahme der Charité. Entsprechend der hauseigenen Hygiene-Leitlinien für ehemalige MRSA-Patienten sei jedoch vorsichtshalber innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Aufnahme ein Abstrich gemacht worden. Die Krux: Wenn man nicht einen besonderen Schnelltest anwendet, vergehen 48 Stunden, bis ein Ergebnis abgelesen werden kann. Tobias wird aber schon am ersten Tag der Einlieferung am 25. Februar morgens operiert. Das positive Ergebnis des Abstrichs liegt am 27. Februar vor. Erst daraufhin wird der kleine Patient in ein Einzelzimmer verlegt und ein anderes, gegen MRSA-Keime wirksames, Antibiotikum verabreicht.

Laut Studien stecken sich jährlich in deutschen Kliniken bis zu 600 000 Patienten mit den multiresistenten Bakterien an. Die Infektionen können zu Blutvergiftung, Wundbrand und Lungenentzündung führen. Etwa 15 000 Patienten sterben an den Folgen.

Doch Tobias hat wieder Glück im Unglück. Das Spezial-Antibiotikum schlägt bei ihm an. Er kann aus dem Krankenhaus entlassen werden, hat aber noch wochenlang erhöhte Temperatur. Und seine Eltern große Angst. Was sie zudem schockt: Auf dem Entlassungsschein hat der behandelnde Arzt versehentlich eine Überdosis von 40 Prozent des Antibiotikums angegeben. Nur weil die Mutter den Beipackzettel noch einmal gegencheckt, wird dem Kind die Überdosis nicht verabreicht. Der Fehler wurde von der Charité inzwischen eingeräumt. Die Verantwortlichen der Universitätsklinik haben die Familie Mitte April zu einem Gespräch empfangen. Ein weiteres soll folgen.

Katharina Hellwig will ihren Fall trotzdem öffentlich machen. Auch wenn sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen mag. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass man als MRSA-Familie geschnitten wird. So hat es sehr lange gedauert, für Tobias überhaupt einen Kitaplatz zu finden.

Inzwischen geht es ihm wieder gut. „Wir wollen die Rahmenbedingungen in den Krankenhäusern beleuchten“, erklärt seine Mutter. „Die Hygienemaßnahmen werden nicht eingehalten, da Ärzte, Pfleger und Reinigungspersonal nicht genügend aufgeklärt sind“, glaubt sie. „Wie kann es sonst sein, dass die Putzfrau im MRSA-Krankenzimmer wischt und denselben Lappen dann auch im nächsten, nicht infizierten Zimmer benutzt?“, fragt die 27-Jährige. Sie will nun eine MRSA-Selbsthilfegruppe gründen. Eine Initiative, die auch die Charité begrüßt.
*Namen von der Redaktion
geändert.

 

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