200 000 Kubikmeter teils gefährliche Abfälle : Gefährliche Hinterlassenschaften

Beim großen Brand auf der Müllhalde im Jahr 2005 waren rund 130 Feuerwehrleute im Einsatz.
Beim großen Brand auf der Müllhalde im Jahr 2005 waren rund 130 Feuerwehrleute im Einsatz.

Fünf Jahre nach dem Müllskandal von Bernau (Barnim) folgt die juristische Aufarbeitung am Landgericht in Frankfurt.

svz.de von
23. Juli 2015, 08:00 Uhr

Mehr als 200  000 Kubikmeter teils gefährliche Abfälle hat die insolvente Gesellschaft zur Abfallverwertung und Bodensanierung mbH (GEAB) vor fünf Jahren in Bernau (Barnim) hinterlassen. Jetzt stehen die damalige Geschäftsführerin und ihr Bereichsleiter wegen schwerer Umweltdelikte vor Gericht.

Eine, die unbedingt dabei sein will, ist Giesela Tontschev. Sie macht sich gestern am frühen Morgen auf den Weg nach Frankfurt ins Landgericht. Die Bernauerin will mit eigenen Ohren hören, was Sylvia K., die einstige Geschäftsführerin der GEAB, zu ihrer Rechtfertigung zu sagen hat. Jahrelang hatte sich Gisela Tontschev mit anderen Anwohnern im Umfeld der GEAB für eine stärkere Kontrolle der Firma eingesetzt. Riesige Krähenschwärme über dem Gelände und eine Schabeninvasion, die die Einfamilienhäuser in den angrenzenden Straßen heimsuchte, bedeuteten den Bernauern, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Und als im September 2005 ein Brand ausbrach, fühlten sie sich in ihrem Argwohn ein weiteres Mal bestätigt.

Es dauerte dennoch weitere vier Jahre, bis das ganze Ausmaß des Umweltskandals auf dem Firmengelände sichtbar wurde. Dort liegen bis heute mindestens 200  000 Kubikmeter Müll in der Erde – geschreddertes Plaste, medizinische und Industrieabfälle, Verpackungen, Schläuche. Und auch die Hinterlassenschaften des großen Brandes von 2005 – ein stark kontaminiertes Gemisch aus Erde und verbranntem Müll – ist immer noch nicht entsorgt. Auf 30 bis 40 Millionen Euro werden die Kosten für die Sanierung des GEAB-Geländes geschätzt. Wer sie tragen wird, ist völlig offen.

Sylvia G., der einstigen Geschäftsführerin der Firma, wirft die Anklage nun Umweltstraftaten in einem besonders schweren Fall vor. Sie soll die Errichtung, den Ausbau und die Lagerung von illegalen Abfallhaufwerken auf dem Betriebsgelände veranlasst haben, ohne über die erforderliche Genehmigung zu verfügen. Neben ihr auf der Anklagebank sitzt Stefan K., damaliger Bereichsleiter für Schüttgut und Kompostierung, der seiner Chefin geholfen haben soll. Beiden hat das Gericht Bewährungsstrafen angeboten – vorausgesetzt, sie zeigen sich geständig. Sylvia G. stimmt zu. Stefan K. nicht. Er würde im Falle einer Verurteilung seinen Fachkundenachweis zum Transport von Abfällen verlieren. Das könnte ihn seine berufliche Existenz kosten.

So wird also verhandelt. Sylvia G. wird zuerst befragt. Wenn ihre geständigen Aussagen nicht den Erwartungen der Kammer entsprächen, könnte die Bindungswirkung der Vereinbarung zum Strafmaß aufgehoben werden, hat ihr der Vorsitzende Richter zuvor noch erklärt. Doch die 53-Jährige bleibt bei ihrer Auffassung: „Aus meiner Sicht ist alles vernünftig gelaufen“. Sie hätten bei der GEAB Abfälle angenommen, sortiert, verarbeitet und dann verwertet oder entsorgt. Bei den gefundenen Abfallhaufen habe es sich um „Zwischenlager“ gehandelt.

Und dass geschreddertes Plaste im Erdreich gefunden wurde, könne nur Einzelfall sein, gibt sie zu Protokoll. Der Kammer aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen reicht es. Sie ziehen sich kurz zur Beratung zurück – dann verkündet der Vorsitzende: Die Bindungswirkung der Vereinbarung zum Strafmaß entfällt. Sylvia G.‘s Verteidiger fragt nach: „Heißt das die Offerte der Verständigung ist ihr gänzlich genommen?“ „Ja“, bestätigt der Vorsitzende. Damit scheint nun wieder alles offen zu sein.

Ein Beamter des Landeskriminalamtes, der im Dezember 2009 die illegalen Müllablagerungen untersucht hat, wird als erster Zeuge vernommen. Er widerspricht den Angaben, die Sylvia G. zuvor gemacht hat. Dass es sich bei den bis zu sieben Meter hohen Erdhügeln mit Abfällen lediglich um Zwischenlager handeln könnte, bezweifelt er. „Dass Zwischenlager von dieser Größe genehmigt werden, das habe ich noch nicht erlebt“, sagt der Kriminaltechniker. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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