Potsdam : Geburt auf die emotionale Art

Beim ersten Schrei Blickkontakt: Chefarzt Bernd Köhler (2. v. l.) verhilft dem kleinen Till zur Geburt. Mutter Susanne Mießner und Vater André Hermanowski können ihren Sohn sofort sehen, weil das Tuch abgesenkt wird.
Beim ersten Schrei Blickkontakt: Chefarzt Bernd Köhler (2. v. l.) verhilft dem kleinen Till zur Geburt. Mutter Susanne Mießner und Vater André Hermanowski können ihren Sohn sofort sehen, weil das Tuch abgesenkt wird.

Potsdamer Klinikum will Müttern mit Kaisergeburten ein intensiveres Geburtserlebnis bieten

svz.de von
18. September 2015, 15:28 Uhr

Das Potsdamer Bergmann-Klinikum bietet seit Juli erstmals in Brandenburg die sogenannte Kaisergeburt an. Diese Form des Kaiserschnitts soll den Frauen ein emotionaleres Geburtserlebnis bescheren. Ein kleiner Schritt für die Wissenschaft, ein großer Schritt für die Frauen. So ist aus Sicht des Potsdamer Gynäkologie-Chefarztes Dr. Bernd Köhler der neue Ansatz einzuordnen.

Wie beim Kaiserschnitt erhalten die Frauen eine Rückenmarksnarkose, sind dann aber dazu aufgerufen, die Geburt durch Pressen zu unterstützen, und sobald etwas vom Kind zu sehen ist, wird das OP-Tuch gesenkt, damit die Mutter und der gegebenenfalls neben ihr stehende Vater das Baby sofort sehen können. Lediglich das Durchschneiden der Nabelschnur durch den Vater ist im OP aus hygienischen Gründen tabu.

„Es war ein unglaubliches Gefühl trotz des Kaiserschnitts die Geburt so nah zu erleben. Beim ersten Schrei habe ich meinem Sohn gleich in die Augen sehen können. Es war sofort eine Verbindung da“, sagt Susanne Mießner, die in der vergangenen Woche per Kaisergeburt ihren Sohn Till (50 Zentimeter, 4250 Gramm) zur Welt gebracht hat.

Bislang haben laut Bermann-Klinikum 20 Eltern von dem Angebot Gebrauch gemacht. Medizinisch unterscheide sich die Kaisergeburt nicht vom Kaiserschnitt, auch die Risiken, der Personalaufwand und die Kosten seien gleich, erklärt Köhler. Geburtskliniken würden schon länger daran arbeiten, Kaiserschnittentbindungen für die Frauen emotionaler zu machen. „Manche versuchen es mit Spiegeln, andere mit Kameras im Kreißsaal“, erzählt Köhler.

Bis die Berliner Charité vor drei Jahren deutschlandweit als erste auf die Idee kam, das OP-Tuch abzusenken. „Rückblickend kann man sich fragen, warum nicht früher jemand auf diesen Gedanken gekommen ist, aber so ist das manchmal“, konstatiert der Chefarzt. Das Ausmaß an Glücksgefühlen, das er bei den Eltern während einer Kaisergeburt erlebe, habe ihn überrascht.


Ziel bleibt natürliche Geburt


In der Regel komme eine Kaisergeburt aus klaren medizinischen Gründen in Frage. Das Bergmann-Klinikum erklärt, dass seine Kaiserschnittrate von 26 Prozent unter dem Bundesschnitt von 32 Prozent liege. Ziel sei die natürliche Geburt.

Chefarzt Bernd Köhler betont jedoch ausdrücklich, dass er auch sogenannte Wunsch-Kaiserschnitte, beziehungsweise in Potsdam dann Wunsch-Kaisergeburten durchführe.

Auf den Einwand, dass dies doch ein umstrittenes Angebot sei, reagiert er engagiert. „Wer sagt das? Ja, Hebammen werden immer für die natürliche Geburt eintreten. Aber ich bin dafür, nach der Aufklärung über jeweilige Risiken die Frauen entscheiden zu lassen, was sie wollen.“ Die Gründe dafür, dass Frauen einen Kaiserschnitt befürworten, reichen von der Sorge vor Inkontinenz nach einer natürlichen Geburt bis zur Befürchtung, das Sexualleben leide. Auch Ängste vor Verletzungen oder einem langen, schmerzhaften Geburtsvorgang spielen eine Rolle.

Dr. Bernd Christensen, Gynäkologie-Chefarzt in den Ruppiner Kliniken, sieht das Potsdamer Angebot dennoch skeptisch: „Wenn ich mit Patientinnen darüber spreche, höre ich ganz klar, dass in ihren Augen das Erlebnis einer echten Geburt durch nichts zu ersetzen ist.“

Von den Oberhavel-Kliniken heißt es, dass man sich dieses neue und interessante Angebot nun erst einmal genauer anschauen wolle.

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