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Kein Interesse : Fördermittel-Boot liegt weiter vor Anker

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wahrscheinlich beleben bald die ersten Boote die Idylle und erlösen die „Solar Explorer“ aus ihrer Einsamkeit. Der 18 Meter lange Katamaran lag den ganzen Winter über als einziges Schiff im Hafen von Altenhof. Der Aluminiumrumpf hatte Glück. Der Winter war mild.

Frühlingshaftes Wetter über dem Werbellinsee. Wahrscheinlich beleben bald die ersten Boote die Idylle und erlösen die „Solar Explorer“ aus ihrer Einsamkeit. Der 18 Meter lange Katamaran lag den ganzen Winter über als einziges Schiff im Hafen von Altenhof. Der Aluminiumrumpf hatte Glück. Der Winter war mild. Dass es dem Kulturlandverein Uckermark, dem das Boot gehört, nicht gelang, das Schiff an Land überwintern zu lassen, ist nur ein kleines Problem, verglichen mit dem Rest, den das Vorzeigeprojekt verursacht.

Schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts hatten Naturschützer die Idee, ein komplett mit Solarzellen betriebenes Schiff über den beliebten See gleiten zu lassen. Die Wirtschaftskrise einige Jahre später machte es möglich. Sie führte zu einem Geldsegen in Form des Konjunkturpaketes II zur Belebung der Wirtschaft. Straßen wurden erneuert, öffentliche Gebäude gedämmt, und ein kleiner Teil kam der Umweltbildung zugute.

Unter diesem Titel war es möglich, den Förderantrag für ein Solarschiff zu stellen, auf dem Schulklassen oder Studentengruppen auf den See fahren, Wasserproben nehmen, durch den Glasboden in die Tiefe blicken und etwas über Flora, Fauna und Solartechnik lernen. Den Fördermittelantrag stellte der Kulturlandverein, der Förderverein des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin.

Die Gesamtkosten beliefen sich laut Umweltministerium auf 407 930 Euro. 334 830,30 Euro wurden vom Bund und dem Land getragen. Das Landwirtschaftsministerium erklärt auf Nachfrage, dass 2009 anhand eines Kontoauszuges geprüft wurde, ob der Verein den Eigenanteil aufbringen kann.

Der Kontoauszug aus dem Herbst 2009 weist tatsächlich die stolze Summe von 120 000 Euro auf. In der Jahresbilanz des Vereins zeigt sich, dass Mitte November 60 000 Euro von der Deutschen Gesellschaft für Solarenergie und 60 000 Euro von einem uckermärkischen Unternehmer auf das Konto des Vereins überwiesen wurden. Eine knappe Woche später wurde das Geld jedoch wieder zurücküberwiesen.

Vereinsvorsitzender Martin Krassuski erklärt die Kontobewegungen damit, dass der Verein zunächst von den Banken keinen Kredit für das Projekt erhalten hatte – nicht, solange der Förderantrag nicht vorlag. Also borgte man sich kurzerhand die Summe bei befreundeten Unternehmern, reichte den entsprechenden Kontoauszug bei der Bewilligungsbehörde ein und bekam den Förderbescheid. Mit diesem konnte man dann einen Kredit von 109 000 Euro aufnehmen.


Mit Finanzierungstricks zum Bildungsschiff


Dem Landesamt für Ländliche Entwicklung (LELF) als Bewilligungsbehörde fiel der Trick nicht auf. Auf Nachfrage dieser Zeitung hieß es, man habe sich zusätzlich zu dem Kontoauszug auch die Bilanzen der vergangenen Jahre angesehen. Diese wiesen jedoch nur einige Tausender als Einnahmen und Ausgaben auf.

Letztlich verteuerte sich das Vorhaben zusätzlich. Die Vorstandsmitglieder, bis auf einen, legten deshalb zusammen und sorgten so mit zusätzlichen 80 000 Euro dafür, dass die „Solar Explorer“ zu Ende gebaut, ausgerüstet und von einer polnischen Werft zum Werbellinsee transportiert werden konnte. Das eine Vorstandsmitglied, das sich nicht beteiligte, ist der Linken-Landtagsabgeordnete Michael Luthardt. „Ich war von Anfang an dagegen, dass sich der Verein mit so einem Projekt belastet“, sagt er. Die zweifelhafte Darstellung des Eigenanteils ist ihm nicht aufgefallen, obwohl sie im Jahresabschluss 2009 ersichtlich war.

Für Luthardt war der Bedarf für so ein Boot nie nachgewiesen. Auch der FDP-Abgeordnete Gregor Beyer, ebenfalls Mitglied im Verein, sieht das Engagement als Bootseigentümer kritisch. Für ihn ist der Werbellin für ein Schiff mit Tauchkamera und Glasboden wegen der geringen Sichttiefe der falsche Standort.

Krassuski räumt ein, dass das Schiff zurzeit ein Zuschussgeschäft ist. Der im vergangenen November aufgestellte Haushaltsplan für 2013 nennt Einnahmen von 9170 Euro durch Umweltfahrten mit der „Solar Explorer“ und knapp 1000 Euro Spenden für das Schiff. Dem stehen mehr als 3000 Euro für den Kapitän, 2000 Euro Honorare für Vorträge der Umweltbildung auf dem Schiff, 3000 Euro Liegegebühren, 6600 Euro für Versicherungen, 5000 Euro für weitere technische Ausstattungen und 11 000 Euro für Handwerkerleistungen entgegen.

Die geringe Auslastung ist für Beyer auch nicht verwunderlich. Die Kosten sind für Schulklassen einfach zu hoch. Kita-Gruppen und Grundschulklassen bis 35 Personen zahlen für anderthalb Stunden 139 Euro. Die große Forschungsfahrt (10 bis 16 Jahre) für zweieinhalb Stunden kostet 239 Euro, für eine Vor- und Nachmittagsfahrt sind 419 Euro fällig. Erwachsenengruppen zahlen für dieselben Zeitumfänge 369 beziehungsweise 679 Euro.


Andere Geldquellen müssen her


Auf der mit Lotto-Mitteln des Umweltministeriums finanzierten Internetseite wird mit einem Bericht eines RBB-Fernsehmagazins das abenteuerreiche Lernen auf dem Wasser beworben. Eine Klasse der Goethe-Oberschule Eberswalde ist dort zu sehen. Schulleiter Uwe-Karsten Volkmann erklärt, dass das eine einmalige Aktion war, für die es Sponsoren gab. Die Schule hat ansonsten andere Umweltprojekte, die sie mit ihren Schülern verfolgt. Gregor Beyer drückt es so aus: Wasserproben am Webellin kann man auch billiger vom Steg aus nehmen.

In diesen Tagen führt Vereinsvorsitzender Krassuski Gespräche mit Ehrenamtlern, die sich in diesem Jahr um eine bessere Vermarktung des Solarschiffes bemühen wollen. Natürlich will der Verein nicht dauerhaft neues Geld zuschießen. Also müssen andere Finanzquellen her. Dem Verein wurden die Flächen des Grumsiner Forsts, eines einmaligen Buchenwalds, der als Weltnaturerbe registriert ist, übertragen. Seit 2012 kamen noch landwirtschaftliche Flächen aus dem Nationalen Naturerbe hinzu. Die Einnahmen aus den Flächenverpachtungen wurden für 2013 mit 47 571 Euro angegeben. Sowohl Beyer als auch Luthardt verweisen darauf, dass der Bund bei der Übertragung der Flächen strikte Auflagen machte, die Einnahmen wieder für den Naturschutz einzusetzen. Ihrer Meinung nach ist eine Querfinanzierung für die „Solar Explorer“ nach diesen Richtlinien ausgeschlossen.

Krassuski erklärt jedoch, dass der Verein noch in diesem Jahr Gespräche mit dem Bund aufnehmen will, ob die Pachteinnahmen auch für andere Zwecke wie Umweltbildung eingesetzt werden können. Dann wäre ein Silberstreif am Horizont zu sehen – für das Solarschiff und wohl auch für die Vorstandsmitglieder, die als Kreditgeber auftraten. „Es war ein ambitioniertes Projekt“, sagt Vereinschef Krassuski. „Dass es sich so entwickelt hat, wie es jetzt eben ist – damit muss man nun eben umgehen.“

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