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Longshot – Scharfschützenwettbewerb bei den Nachbarn : Fernschießen am einstigen Ostwall

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Scharfschützen aus 14 Ländern treffen sich bei einem polnischen Wettbewerb, der in Deutschland nicht vorstellbar wäre.

Weil in Westeuropa Schießwettbewerbe nur über maximal 300 Meter Entfernung veranstaltet werden, locken sogenannte „Longshot“-Wettkämpfe in Polen immer mehr Ausländer an. Der größte findet bis zum Sonntag auf einem Militärgelände am einstigen Ostwall statt.

Die Sonne taucht den 80 Kilometer östlich der Grenze gelegenen Schießplatz bei Miedzyrzecz in angenehme Wärme. Und mit der Zeit gewöhnt man sich fast an die ständigen lauten Knalle, mit denen die auf rund 1000 Stundenkilometer beschleunigten Patronen die Gewehre verlassen.

„Schießwütige frönen ihrem kriegerischem Hobby, würde man zu Hause über uns lästern“, sagen Wolfram und Patrick. Zwei Männer um die 45, die extra aus dem fernen Stuttgart angereist sind. Der eine ist EDV-Angestellter bei einer großen Firma, der andere führt ein kleines Unternehmen. Beide sind Mitglieder in Schützenvereinen. Doch ihre Nachnamen wollen sie lieber nicht nennen, „weil wir dann vielleicht mit irgendjemand zu Hause Ärger bekommen“.

So eine Veranstaltung, wie sie derzeit auf dem Gelände unweit des früheren Ostwalls stattfindet, wäre hierzulande kaum denkbar. Nicht nur die Tatsache, dass aktive Soldaten, die sich zum Teil gerade auf Auslandseinsätze vorbereiten, und zivile Schützen ihre Kräfte messen, ist ungewöhnlich. Die ganz in der Nähe stationierte 17. Brigade der polnischen Landstreitkräfte sowie ein privat geführtes Schulungszentrum für Soldaten im Auslandseinsatz sind die gemeinsamen Veranstalter. Allerdings gab es im Nachbarland bisher auch noch nie so extreme Amokläufe von Schützen wie hierzulande.

„In Polen besteht ein ganz anderes Verhältnis zur Armee und auch zum Schießsport als in Deutschland“, sagt Stanislaw Rowinski. Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg und ist dort Konservator am Museum für Kunst und Gewerbe. „Ein Kunsthistoriker mit einem Elefantenkaliber“, macht er sich selbst über sein Hobby lustig. Und erklärt, worauf es beim Schießen über lange Distanzen mit seinem finnischen Sako TRG-Gewehr ankommt. „Das eigentlich Faszinierende ist die Einbeziehung der Naturfaktoren. Du musst auf den Wind, die Temperatur, den Luftdruck und die Sonne gleichzeitig achten“, gerät der 57-Jährige ins Schwärmen.

„Bei Entfernungen über 1000 Meter ist sogar die Erdkrümmung wichtig“, mischt sich jemand ein. „Denn in den drei bis fünf Sekunden, die die Patrone unterwegs ist, bewegt sich auch die Zielscheibe um einige Zentimeter weiter“, behauptet er. An den Ständen, die Sponsoren aufgebaut haben, könnte man neben Uniformen auch Pistolen oder gar ein amerikanisches Scharfschützengewehr der Marke McMillan kaufen. „Für 5500 Dollar“, sagt der Händler aus Slupsk. Allerdings sollte man dafür eine europäische Waffenberechtigungskarte vorlegen können.

„Reden wir nicht drumherum. Das hier ist eine Veranstaltung für eher gut betuchte Leute“, räumt der bereits erwähnte Patrick aus Stuttgart ein. Die teuren Waffen, die oft Spezialanfertigungen sind, aber auch Anfahrt und Unterkunft müsse man sich leisten können. Der Wettkampf bei Miedzyrzecz, bei dem erstaunlicherweise auch Zuschauer willkommen sind, ist nicht der einzige, aber der größte dieser Art im Nachbarland. Neben rund 200 Polen und 50 Deutschen nehmen auch 100 Schützen aus zwölf weiteren Ländern teil. Sie gehen über Distanzen von 300 bis 1500 Metern an den Start.

„So verrückt es klingt: Aber diese Veranstaltung hat schon zu vielen deutsch-polnischen Freundschaften geführt. Und sie zeigt, dass man auch einen Schießwettkampf in lockerer Atmosphäre durchführen kann“, ist Stanislaw Rowinski überzeugt.

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