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Panorama BB

24. November 2017 | 03:02 Uhr

Feilschen um das Strafmaß

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Zwei Polen müssen sich wegen bandenmäßigen Autodiebstahls verantworten

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Vier bis fünf Jahre Haft wünscht sich die Staatsanwaltschaft. „Nein, wir wollen deutlich weniger als drei Jahre“, hält die Verteidigung dagegen. Dreieinhalb Jahre, lautet schließlich das Angebot der Strafkammer, vorausgesetzt, die Angeklagten legen ein Geständnis ab. Die Verteidigung lehnt vorerst ab.

Wer sich immer gefragt hatte, wie ein sogenannter Deal vor Gericht angebahnt wird, konnte gestern vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) das Feilschen um das angemessene Strafmaß erleben, wohlgemerkt bevor etwaige Beweisstücke begutachtet oder Zeugen vernommen wurden. Teil der Verhandlungsmasse waren auch die Haftbefehle gegen die Angeklagten sowie die Höhe einer möglichen Kaution.

Jacek S. und Piotr W. werden schwere Straftaten zur Last gelegt. An 20 Autodiebstählen sollen sie zwischen Juni und November 2013 beteiligt gewesen sein. Die Bande, zu der ein Dutzend oder mehr Leute gehörten, hatte es vor allem auf Mercedes „Sprinter“, also hochwertige Lieferwagen abgesehen. Aber auch diverse Modelle von Volkswagen und Audi wurden gern genommen. Schlug die Bande zu, nahm sie in einer Nacht gleich mehrere Wagen mit. In Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree) begannen sie ihre Serie, die sie bis nach Dahme-Spreewald, Teltow-Fläming und Oberhavel führte, wo schließlich Anfang November alles aufflog.

Die 40 beziehungsweise 28 Jahre alten Angeklagten hatten in der stark arbeitsteilig agierenden Gruppe den „Pilotenjob“. Sie sollten jeweils vor den gestohlenen Wagen vorausfahren, die Kollegen gegebenenfalls vor der Polizei warnen. Seit fast einem Jahr sitzen die beiden Polen nun in U-Haft. Eine lange Zeit. Ihr Lächeln beim Betreten des Gerichtssaals war wohl deshalb auch nicht als überheblich zu werten, sondern der Freude über das Wiedersehen mit ihren Lebensgefährtinnen im Zuschauerraum zuzuschreiben.

Jacek S. und Piotr W. wollen so schnell wie möglich raus aus dem Gefängnis, daran ließen auch ihre Verteidiger keine Zweifel. Deshalb gab es schon im Frühsommer den Versuch einer „Verständigung“, wie ein Deal offiziell in der Strafprozessordnung genannt wird. „Es sah gut aus“, fasst die Vorsitzende Richterin Barbara Sattler die Verhandlungen aus ihrer Sicht zusammen.


Sehr unterschiedliche Vorstellungen


Auf zwei Tage sollte die Hauptverhandlung abgekürzt werden. Es gab bereits vereinbarte Termine im August. Aber die Staatsanwaltschaft bestand auf einer Kaution in fünfstelliger Höhe, wenn die beiden aus der U-Haft entlassen werden sollen. Und die Kammer wollte nicht von jenen mindestens dreieinhalb Jahren Haft abrücken. „Die Vorstellungen lagen weit auseinander“, erklärte die Richterin gestern.

Da damit auch Geständnisse in weite Ferne rückten, wurden nun acht Verhandlungstage angesetzt. Doch die Vorsitzende startete gestern sogleich einen erneuten Vermittlungsversuch. „Wollen wir nicht noch einmal reden? Ein kurzes Verfahren liegt doch im Interesse aller Beteiligten“, warb sie bei den Angeklagten und deren Anwälten um Zustimmung. „Die Reststrafe ist doch überschaubar, und es ist doch auch bald Weihnachten“, fügte sie mit Blick auf das etwa sechs Monate alte Kind eines der Angeklagten hinzu.

Die Mutter verfolgte die Verhandlung im Zuschauerraum, während sie über Stunden das Baby im Kinderwagen wiegte. „Jetzt versuchen Sie es auf die emotionale Tour“, hielt Verteidiger Werner Siebers der Richterin mit einem Lächeln vor.

Und tatsächlich, nachdem sich die Staatsanwaltschaft bereit erklärte, im Falle eines Geständnisses eine schnelle Entlassung aus der U-Haft befürworten zu wollen, stiegen die Parteien hinter verschlossenen Türen für mehrere Stunden erneut in Verhandlungen ein.

Der Prozess wird voraussichtlich am Montag fortgesetzt.

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