Chaos Computer Club : Eine Zeltstadt voller Hacker

Bei einem entspannten Hacker-Urlaub tauschen die Computerfreaks ihr Wissen aus.
1 von 3
Bei einem entspannten Hacker-Urlaub tauschen die Computerfreaks ihr Wissen aus.

Seit Donnerstag campieren 4500 Internetaktivisten im Ziegeleipark Mildenberg / Ihre Infrastruktur haben sie selbst mitgebracht

von
14. August 2015, 18:11 Uhr

Die Leute vom Chaos Computer Club (CCC) haben sich wirklich alle Mühe gegeben, ihren Gästen das Leben beim Chaos Communication Camp im Ziegeleipark Mildenberg so einfach wie möglich zu gestalten. Ihre Gäste, etwa 4500 Hacker, Blogger, Internetaktivisten und Computerspezialisten aus aller Welt, brauchen ein stabiles Netz. Der Ziegeleipark liegt mitten im Funkloch. Die CCC-Techniker haben es binnen weniger Tage zugeschüttet. Zehn Kilometer Glasfaserkabel haben sie verlegt, sieben davon auf dem Campgelände selbst. Mit dem Rest wird eine Datenautobahn auf der anderen Seite der Havel ganz legal angezapft. Von dort erreichen Datenpakete aus dem Internet das Camp mit zehn Gigabit pro Sekunde. Das Hochgeschwindigkeitsnetz in Hennigsdorf, auf das die Telekom so stolz ist, ist 20 Mal langsamer. Die Mildenberger Infrastruktur vervollständigen 120 WLAN-Hotspots, mehrere mit Servern bestückte Dixie-Klos, zwei autarke Telefonnetze, für die jeder Gast ein eigenes Telefon samt Nummer bekommt, und ein Fernsehkanal, der die Vorträge aus den zwei Konferenzzelten, jedes so groß wie zwei Kinosäle, im Ziegeleipark überträgt. Wer ein Problem hat, ruft die „Angels“ vom technischen Support, die mit Tretautos übers Camp eilen. „Angel“ ist das englische Wort für Engel. So nennen sie hier die freiwilligen Helfer, die den Betrieb am Laufen halten.

Doch die Hacker in Mildenberg hängen nicht rund um die Uhr im Netz. Mati Drossel und Yago Elbrecht sind aus Bochum angereist und gehören zum Chaos-Hackerspace West, in dem die Ruhrpottler und Münsterländer organisiert sind. Mati und Yago haben keinen Rechner in der Hand, sondern Akkuschrauber und Flex. „Hier gibt es Schienen. Deshalb bauen wir aus zwei Euro-Paletten, einem Rollstuhlmotor und ein paar Akkus eine Draisine“, erzählen die beiden 27-Jährigen. Eine Runde mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit durch den Park haben sie schon gedreht. Doch beendet ist das Projekt damit nicht. Über das Wochenende wollen sie noch einen Sonnenschirm mit laminierten Solarzellen bestücken, um ihre Draisine mit der Kraft der Sonne antreiben zu können.

Im Zelt hinter ihnen dominieren Laptops, Kabel und Club-Mate-Flaschen die Szenerie. Zwischendrin steht eine Eismaschine, die mit Milch, Sahne und Fruchtjoghurt gefüttert wird. „Das ist ein gewöhnliches Gerät aus dem Laden. Aber es hat nicht optimal funktioniert. Deshalb haben wir sie jetzt umgebaut“, sagt der Mann, der neben der Maschine sitzt und seinen Namen nicht nennen will, weil sein Kumpel der kreative Kopf des Projekts ist. Der Kumpel ist aber gerade nicht da. Das Problem mit der Eismaschine besteht darin, dass das Rohmaterial an den Rändern zu schnell gefriert. Außerdem war das Gerät zu laut. Deshalb haben die Hacker aus dem tiefen Westen ihm unter anderem einen anderen Motor und ein neues Steuergerät verpasst.

„Was uns alle hier verbindet, ist das Interesse für Technik“, sagt Simon aus Stuttgart, der als „Angel“ Journalisten übers Camp führt. „Wir nehmen Technik auseinander, um sie zu begutachten, zu verstehen und manchmal auch, um sie zweckzuentfremden“, erklärt der Schwabe, der mit seinen Hackerfreunden auch schon mal eine öffentliche Telefonzelle heimlich zu einer öffentlichen Dusche mit blinkenden LED-Lichtern umfunktioniert hat. Viele der Hacker sind im Grunde Tüftler, wie es sie schon immer gab – nur, dass sie auch politische Ziele haben. Ihr Kernthema ist die Freiheit im Netz. Software oder Wissen darf niemandem allein gehören, sofern es der Gesellschaft dient. „Software ist Wissen“, sagt Simon. „Deshalb versuchen wir so viel freie Software wie möglich anzubieten.“ Wissen in die Welt zu tragen und freie Kommunikation zu ermöglichen ist auch zentrales Anliegen des Chaos Computer Clubs. „Eines der Schwerpunktthemen unseres Camps ist die Minderheiten-inklusion“, sagt CCL-Sprecher Jan Girlich. „Es kommen immer mehr Flüchtlinge ins Land. Wir sehen unsere Aufgabe darin, zu helfen, die Heime mit kostenfreiem Internet zu versorgen. Für die Leute ist es unglaublich wichtig, in Kontakt mit Angehörigen in der Heimat zu bleiben“, erklärt Girlich mit Verweis auf die Hacker-Ethik, die da laute: „Der CCL ist seit jeher eine galaktische Gesellschaft, in der alle willkommen sind, egal wie alt sie sind, wo sie herkommen und welches Geschlecht sie haben.“

Apropos Geschlecht: Das Camp im Ziegelleipark wird keinesfalls von einsamen männlichen Computernerds dominiert. Es ist eine sehr heterogene Gesellschaft mit Kurzhaarigen, Langhaarigen, Bunthaarigen, vielen jungen und ein paar älteren Leuten. Es sind auch viele Frauen und Kinder da. Letzteren hat CCC ein paar durchaus amüsante analoge Spiellandschaften gezimmert.

„Es sind viele Familien angereist“, sagt „Angel“ Simon. „Das Camp gibt es nur alle vier Jahre. Etliche machen hier einfach ihren Urlaub. Und darum geht es eigentlich auch. Die Leute, die sich das ganze Jahr in Online-Chats zu allen möglichen Themen austauschen, wollen auch mal nur zusammensitzen und einen Club Mate trinken.“ Deshalb stünden die Vorträge und Workshops beim Camp nicht so sehr im Vordergrund wie bei den jährlichen CCC-Kongressen in Hamburg.

Entsprechend voll ist bei diesem Wetter der Strand des Tonstichs im Ziegeleipark. Die Vorträge in den Kongresszelten sind bisweilen locker. Ralph Caspers war ebenfalls zu Gast. Der Moderator von „Die Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah!“ erklärt den Hackern, warum es besser ist, schwierige Dinge einfach und unterhaltsam zu erklären. Caspers erklärt einfach und unterhaltsam. Es ist heiß im Camp, das Zelt trotzdem rappelvoll. Es wird gelacht. Viele haben ihre Kinder dabei. Später darf Caspers den Kindern Autogramme geben und sich von gestandenen Männern anhören, wie gern sie auch nach 33 Jahren noch die Sendung mit der Maus sehen. Urlaubsstimmung herrscht auch, als am Abend die Betreiber der Plattform Netzpolitik.org, Markus Beckedahl und André Meister, darüber berichten, wie sie erst in den Verdacht des Landesverrats gerieten und danach berühmt wurden. In Mildenberg sind Beckedahl und Meister die Stars des Camps. Ihre Ankunft wird lange bejubelt. Während ihres Vortrages knallen Sektkorken in der ersten Reihe. Beckedahl und Meister haben den Staat, dem die Netzaktivisten so misstrauen, in seine Schranken gewiesen. Darauf trinken sie in der ersten Reihe Champagner. Auch darauf, dass sie die Freiheit der investigativen Journalisten gerettet haben.

Über das Mildenberger Camp selbst dürfen Journalisten nur ausreichend gekennzeichnet und zunächst auch nur in Begleitung wandeln. Wer ein ziemlich volles Hacker-Zelt in ein ziemlich leeres verwandeln will, muss nur kurz höflich fragen, ob er ein Foto für die Zeitung schießen darf. Viele hier haben keine Nachnamen, noch mehr stellen sich mit ihren Nicknames vor. Ausgerechnet in der Szene, in der absolute Transparenz zum Dogma erklärt wird, geben sich viele sehr zugeknöpft. Und der CCC kümmert sich sehr, die Privatsphäre der Menschen zu schützen. Ein Widerspruch? „Nein“, sagt Pressebetreuer Simon. „Dokumente, die gehackt werden, sind oft von öffentlichem Interesse. Wie die Leute hier ihren privaten Urlaub verbringen, nicht.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen