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Städtepartnerschaft : Eine Ausnahme wird Normalfall

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Immer am Tag der Deutschen Einheit treffen sich Bürger aus Bonn und Potsdam / Die gemeinsame Geschichte beginnt noch vor Mauerfall

Mit dem Zug dauert die Fahrt von Bonn nach Potsdam weniger als sechs Stunden. Wenn kein Stau ist, schaffen Autofahrer die 577 Kilometer in etwa der gleichen Zeit. Im Januar 1988, als eine streng bewachte Grenze noch DDR und Bundesrepublik trennte, schlossen beide Städte einen partnerschaftlichen Vertrag. Die Mauer stand noch, Bonn war Bundeshauptstadt, und schon deshalb war es eine arrangierte Beziehung. Richtiges Leben kam erst nach dem Fall der Mauer hinein. Auch 25 Jahre später besteht der Kontakt.

Die ersten Partnerschaften zwischen ost- und westdeutschen Städten wurden 1986 geschlossen – Vorreiter in Nordrhein-Westfalen waren Wuppertal und Schwerin. Bis zum Mauerfall wuchs die Zahl laut einer vom Bundesinnenministerium geförderten Studie auf 58 an, in dieser Zeit waren sie aber nicht mehr als ein „Instrument politischer Interessenswahrnehmung“, wie es in der Studie heißt. Freie Begegnungen zwischen Bürgern – zum Beispiel Austausche im Jugend- oder Kulturbereich – waren vonseiten der DDR nicht gewünscht.

Mit dem Mauerfall, spätestens aber nach der Wiedervereinigung, bandelten immer mehr Städte und Kreise aus Ost und West miteinander an. Nach Angaben des Deutschen Städtetages hatten 1992 allein 248 nordrhein-westfälische Kommunen Beziehungen in die neuen Länder. Sie reichten von lockeren Kontakten bis zu vertraglich geregelten Partnerschaften.

Gerhard Samson war damals für Bonn oft in der Partnerstadt. „Es fehlte an allem. Noch nicht mal Kugelschreiber und Schreibpapier waren da“, erinnert sich der 71-jährige Pensionär. Mehrfach war er über Wochen in Potsdam. Funktelefone oder Computer gab es nicht, Dienstpläne mussten neu organisiert werden, manchmal ging es auch schlichtweg um die Ausbesserung der Fliesen in einem Büro.

Im Laufe der Jahre spendete Bonn mehr als sechs Millionen Mark, wie die Stadt in einer Bilanz zum 20-jährigen Jubiläum schrieb. Für Krankenhäuser, Altenheime oder Kinderspielplätze wurde das Geld unter anderem verwendet.

Sigrid Sommer hatte in der Potsdamer Verwaltung mit der Partnerschaft zu tun. „Die kommunale Selbstverwaltung wie in der Bundesrepublik hatte es in der DDR nicht gegeben“, sagt sie. „Es gab auch viele Sachspenden, wie Rosen für eine Grünanlage“, berichtet die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Potsdam. Anfang 1993 haben laut der Studie etwa 4000 westdeutsche Beschäftigte beim Verwaltungsaufbau in ostdeutschen Kommunen mitgeholfen.

Für viele Potsdamer brachte das Bündnis erste Kontakte in den Westen. „Die Euphorie war riesig“, sagt Sommer. „Die Partnerschaft war ein Kompass, wer niemanden in der Bundesrepublik kannte, konnte nach Bonn fahren.“ Samson erinnert sich an eine Gruppe Jugendlicher, die kurz nach der Wende in die damalige Bundeshauptstadt gereist war. „Für sie war es eine andere Welt, sie staunten über die Freiheit, einfach in den Tennis-Club zu gehen.“

25 Jahre nach dem Fall der Mauer ist längst Alltag eingekehrt. Die Politik besucht sich jedes Jahr zum Tag der Deutschen Einheit. In Potsdam ist eine Straßenbahn nach Bonn benannt. Der Potsdamer Platz in Bonn ist ein riesiger Kreisverkehr kurz vor der Autobahn.Aktiv gepflegt wird die Verbindung hauptsächlich in den beiden Partnerschaftsclubs. Doch die Vereine kämpfen mit Mitgliederschwund.  „Von vielen hundert Leuten sind noch etwa fünfzig übrig geblieben“, berichtet Walter Christian, Vorsitzender des Potsdam-Clubs in Bonn. Der Lehrer organisiert jedes Jahr eine Klassenfahrt in die Partnerstadt.

Sein Pendant in Potsdam, Wigor Webers, hat ähnliche Erfahrungen machen müssen. Nur rund 25 Mitglieder sind noch im Verein. „Es ist mühsam geworden“, sagt Webers. „Aber man braucht die Partnerschaft verdammt noch mal. Sie trägt auch heute noch dazu bei, das Ganze verständlich zu machen.“

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