Gedenken : Ein Stück Afghanistan in Potsdam

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In ihrer Kaserne in Schwielowsee erinnert die Bundeswehr an ihre Gefallenen / Ehrenhain von Kunduz ein Teil des „Walds der Erinnerung“

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16. November 2014, 16:10 Uhr

Sergej Motz, Florian Pauli, Mischa Meier. Kleine Bronzetafeln hängen an einer wüstengelben Ziegelsteinmauer im Wald von Schwielowsee bei Potsdam. Sie tragen die Namen von Gefallenen. Deutsche Soldaten, die im Auslandseinsatz ums Leben gekommen sind. Im fernen Kunduz hatten ihre Kameraden im Feldlager einen Ehrenhain für sie gebaut. Beim Abzug hat ihn die Bundeswehr demontiert – und in den vergangenen Wochen auf dem Gelände der Henning-von Tresckow-Kaserne, dem Sitz des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, wieder errichtet.

Nun ist der Ehrenhain von Kunduz ein Teil des „Walds der Erinnerung“ – einer am Samstag von Bundespräsident Joachim Gauck, Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) eingeweihten Gedenkstätte für die in ihrem Dienst ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten. „Ich war keine Woche im Amt, da stand ich das erste Mal vor dem Ehrenhain im Feldlager“, sagt Bundesverteidigungsministeriun Ursula von der Leyen. „Es war kalt, die Flaggen der Nationen wehten im Wind, wir beteten mit den Militärseelsorgern. Ich werde den Moment nicht vergessen.“ Für Soldaten im Einsatz seien die Ehrenhaine das emotionale Herzstück jedes Camps, sagt die Ministerin. Deswegen habe man sie mit nach Deutschland gebracht. „Orte wie dieser, an die sich so authentische Erinnerungen bilden, kann man nicht einfach abbauen wie ein Feldlager“, so die Ministerin. „Sie müssen bleiben.“ Die Gedenkstätte sei ein Versprechen, „dass wir keinen der Männer und Frauen je vergessen, die ihr Leben gelassen haben im Dienst der Bundesrepublik.“

Neben den Ehrenhainen aus den Feldlagern besteht die Gedenkstätte aus einem Informationszentrum, das die bisherigen Auslandseinsätze der Bundeswehr beschreibt. Es schließt sich ein „Weg der Erinnerung an“, der von gemauerten Stelen gesäumt wird. Auf ihnen finden sich die Namen aller 104 im Auslandseinsatz Verstorbenen. Am Ende gibt es einen „Ort der Stille“, an denen Angehörige in Ruhe ihrer Toten gedenken und ein stilles Gebet sprechen können. Und an den umstehenden Bäumen können Freunde und Verwandte Namenstafeln zur Erinnerung an in Deutschland ums Leben gekommene Bundeswehrangehörige anbringen.

Im Gegensatz zum zentralen Ehrenmal der Bundeswehr sei der „Wald der Erinnerung“ ein Ort, der Angehörigen auch als Rückzugsort dienen könne, sagt Ursula von der Leyen. Am Samstag spricht sie sich dafür aus, auch öffentlich stärker über die Größe und die Tragweite des Todes zu sprechen. „Und auch von der Hoffnung, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden.“

Zusammen mit der Mutter der auf dem Segelschulschiff Gorch Fock über Bord gegangenen Kadettin Jenny Böken, Marlis Böken, pflanzte die Verteidigungsministerin anschließend eine junge Eiche. „Es ist ein Ringschluss zwischen uns, und denen, die uns vorausgegangen sind“, so Marlis Böken. „Wir wissen sie in Gottes Armen.“ Der Wald der Erinnerung sei eine völlig neue Form der Trauer, der auch einen Bezug zur Natur habe. „Wo Vögel singen und Maulwürfe ihre Hügel aufwerfen, wächst der Baum der Erinnerung, während der Baum des Lebens gestorben ist.“

Vertreter von Angehörigen nutzten die Einweihung des Denkmals indes auch zur Kritik. So mahnte die Mutter des im Jahr 2011 bei einem Anschlag in Afghanistan ums Leben gekommenen Konstantin Menz, Tanja Menz, für zukünftige Bundeswehreinsätze mehr Offenheit und Transparenz über die Ziele des Einsatzes an. „Ich wünsche mir, dass es niemals nötig wird, dass wir in diesem Wald Platz für weitere Ehrenhaine schaffen müssen.“



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