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Ausgebrannt, personell ausgedünnt und zermürbt : Ein Polizist schlägt Alarm

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Lage der Polizei sei frustrierend, sagt er. Seine frühere Einheit, die sich fast nur mit Drogenkriminalität beschäftigte, ist aufgelöst. Drogenfahnder berichtet über Probleme in seinem Job und den Zustand der Polizei in der Mark.

Würde man einen erfahrenen Kriminalpolizisten für eine TV-Serie suchen, dann wäre Uwe Z.* sicherlich einer der Kandidaten. Ein kräftiger Mann mit kleiner Gestalt, markantem Gesicht, kurzen Stoppelhaaren und einer gebogenen Nase. Seine hellwachen Augen mustern die Passanten, während er am Bahnhof steht – eine Berufskrankheit. Z. arbeitet als Kommissar für Drogendelikte in einer der vier Direktionen der Polizei, in einer „Strukturermittlungsgruppe“, wie seine Abteilung nach der vergangenen Behördenreform getauft wurde. Wo genau, darf nicht in der Zeitung stehen, denn es würde einen Spießrutenlauf in der Dienststelle nach sich ziehen. „Unsere Chefs bläuen uns immer ein: Redet nicht mit der Presse“, erzählt er.

Trotz möglicher disziplinarischer Konsequenzen will der erfahrene Ermittler nicht länger schweigen. Die Lage der Polizei sei frustrierend, sagt er. Seine frühere Einheit, die sich fast nur mit Drogenkriminalität beschäftigte, ist aufgelöst. Das Personal wurde auf ein Drittel geschrumpft, auf eine Hand voll Polizisten. Sie sollen den Vormarsch harter Drogen stoppen. Kürzlich hat Z. ein großes Ding aufgeklärt. Eine Bande wurde zerschlagen, eine größere Menge Crystal Meth beschlagnahmt. Die gefährliche Droge ist längst überall im Land angekommen, die Lieferungen stammen aus tschechischen Laboren und gelangen über Sachsen nach Brandenburg. „Rattenlinien“ nennen die Ermittler die Ausbreitung. Konsumenten gleiten schnell in Abhängigkeit.

Ein Jahr saß der 55-Jährige an dem Fall, schöpfte zuerst Informationen aus der Szene ab, startete nach dem Anfangsverdacht eine Telefonüberwachung und organisierte die Observation der Täter. „Der Job besteht aus ewigem Warten, um im richtigen Moment zuzuschlagen.“ Z. ist oft auf sich allein gestellt. Personelle Unterstützung bekomme er kaum noch von seiner Führung, erzählt er.


Die Frustration steigt täglich


Dabei müssten Hintermänner, Komplizen, Transportwege und Verkäufe detailliert skizziert werden, um Strukturen zu zerschlagen. „Wenn man in solchen Ermittlungen steckt, gibt es keinen Urlaub, keine Krankheitstage, fast keine Familie“, sagt er. Dealer agierten immer cleverer, sie benutzen Codes bei Telefongesprächen, „waschen“ die Erlöse – und bewaffnen sich zunehmend.

40 bis 50 Verfahren türmen sich in seinem Büro: hohe Aktenberge, die mühsam abgetragen werden. „Ich liebe eigentlich meinen Job“, betont Uwe Z. Ein Kollege sagt über ihn, er zähle zu den besten Drogenermittlern im Land. Gut vier Fünftel der großen Fälle in der Direktion hat Z. aufgeklärt. Doch die Frustration steigt täglich. „Man fühlt sich wie im Hamsterrad.“ Der Vormarsch allein der Droge Crystal Meth, bekannt aus der US-Fernsehserie „Breaking Bad“, lässt sich in offiziellen Statistiken ablesen. Die brandenburgische Polizei hat im vergangenen Jahr in 86 Fällen die Substanz bei Kontrollen oder Durchsuchungen beschlagnahmt. 2012 waren es nur 59 Fälle, erklärte das Polizeipräsidium im März. Aber auch andere Drogendelikte sind gestiegen.

Über Statistiken kann Z. nur müde lächeln. „Nach meiner Erfahrung schnappen wir nur zehn Prozent der Dealer. Mein Bereich lebt von Kontrollen und Ermittlungen. Gibt es dafür kein Personal, gehen auch die Zahlen zurück“, erklärt er. Zudem werde es schwieriger, kurzfristige polizeiliche Maßnahmen zu organisieren. „Dadurch sinken Chancen, die Täter auf frischer Tat zu schnappen.“

Man müsse den Druck aufrecht halten, sagt Z. 70 Prozent der Täter würden nach der Entlassung aus dem Gefängnis trotz der meist empfindlichen Haftstrafen weiter in der Szene mitmischen, erzählt der Fahnder. „Die sagen mir ins Gesicht: Das nächste Mal bin ich schlauer.“ Hinzu kommt nach seiner Erfahrung, dass nur die Hälfte der Komplizen ermittelt wird. „Uns fehlt die Zeit für die.“


Bis zur Polizeireform lief die Arbeit vernünftig


Mehrere Kollegen in seiner Abteilung sind ständig krank. Burn-out, diagnostizierten die Ärzte. Sie seien mürbe von unzähligen Zusatzaufgaben, Einsätzen bei besonderen Lagen – Fußballspiele oder Demonstrationen. „Bis zur Polizeireform lief die Arbeit vernünftig, aber irgendwann sehen sie kein Land mehr“, sagt Z. Mittlerweile sei das Arbeitsklima „vergiftet“.

Andreas Schuster, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, kennt eine Reihe solcher Fälle. „Unsere Führung macht immensen Druck, die unteren Schichten müssen leiden“, sagt er. Schuster hat jahrelang vor den Folgen des massiven Personalabbaus in der Polizei gewarnt. Im Vorjahr war jeder brandenburgische Polizist im Schnitt 35 Tage krank, 2001 waren es nur 15 Tage.

Der hohe Erfolgsdruck, ein von Kennziffern und politischen Vorgaben bestimmtes Arbeitspensum, führe zu immer mehr Ausfällen wegen psychischer Probleme, sagt der Gewerkschafter. Er schätzt, dass ein Viertel der Polizisten von Burn-out betroffen sind oder dicht davor stehen. Doch viele Vorgesetzte würden diese Entwicklung ignorieren. „Wir brauchen dort mehr soziale Kompetenz.“

Z. war in seiner Dienstzeit, in fast drei Jahrzehnten, nur sehr selten krank. Aber er überlegt auch, wegen der Überlastung zum Arzt zu gehen. Er könnte es vorher seinem Chef anzeigen. Als seine Kollegen dies taten, verschwanden die Hilferufe in Schubladen. „Ich erzähle zu Hause kaum noch vom Job, bin schnell reizbar und fühle mich überlastet.“ Das seien Warnzeichen, erklärte sein Arzt. Z. kann sich noch an ein früheres Schlagwort erinnern: „Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit“. Dieses Ziel werde heute jedoch kaum noch erwähnt. Stattdessen gibt es ständig neue personelle Lücken und schlechte Stimmung. Der Kommissar hofft seit langem, dass ihm ein jüngerer Kollege zugeteilt wird – vor seiner Pensionierung. „Sonst geht Wissen verloren. Wir können Straftaten bald nur noch verwalten.“

*Name und Alter geändert

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