Besondere Wohngemeinschaft : Ein neues Leben für Ben

Alltag in der WG: Jonathan Meyer und der von ihm betreute Ben (r.) kochen zusammen.
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Alltag in der WG: Jonathan Meyer und der von ihm betreute Ben (r.) kochen zusammen.

In Brandenburg wurde die erste Inklusions-WG eröffnet - ein ungewöhnliches Konzept mit Vorbildcharakter.

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19. Juli 2014, 07:37 Uhr

Zur Fußball-WM, wenn Deutschland spielte, lief Ben bei jedem Tor tanzend durch das Wohnzimmer. Mit Freunden hatten sich die WG-Bewohner vor dem großen Flachbildfernseher versammelt, mitgefiebert, gejubelt, sich umarmt – Szenen einer lebendigen Gemeinschaft. Und Ben, 30, mit einem Down-Syndrom auf die Welt gekommen, hatte seinen besonderen Auftritt. Er steckt jeden mit seiner Lebensfreude an.

Zusammen haben sie das gut hundert Jahre alte Haus in der Mahlower Straße in Teltow eingerichtet. Die Eltern sponserten Möbel, Firmen halfen beim Ausbau. Der Garten wurde nach und nach zur kleinen Oase. Die sechs jungen Männer und Frauen – drei mit und drei ohne Behinderung – kochen zusammen, fahren ins Kino, zum Bowlen, zu Konzerten. Jonathan Meyer ist einer der Mitbewohner und kümmert sich um Ben.

Der 20-Jährige zog aus Flensburg nach Brandenburg und absolviert derzeit seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger in einer nahegelegenen Fachschule. „Inklusion wird immer viel zu theoretisch behandelt, wir leben sie“, sagt Meyer. „Ich sehe mich nicht als Betreuer, sondern eher als Kumpel von Ben.“

Gegründet wurde das Wohnprojekt von Oliver Käding, Vorsitzender des jungen Vereins „Manufaktur Einzelfallhilfe“. Der 27-jährige Potsdamer verfolgt ein Konzept, das nicht ungewöhnlich sein sollte, es aber dennoch ist: Bundesweit gibt es nur wenige gemischte WGs, in denen Menschen mit geistigen Handicaps ein selbstbestimmtes Leben führen.

Allein schon die Suche nach Räumlichkeiten wurde zum Kraftakt. Zwanzig Vermieter hat er angeschrieben, nur einer war letztlich bereit, ein Angebot zuzuschicken. „Die anderen befürchteten, dass die Abnutzung der Zimmer zu groß wäre, weil dort Behinderte einziehen“, sagt Käding und schüttelt den Kopf. „Es gibt so viele Vorurteile.“ Der Vereinsvorsitzende muss darüber hinaus viele Bretter bohren, um auch die Sozialämter zu überzeugen, die das Angebot finanzieren.

Vielfach werden geistig Behinderte in Wohnheimen untergebracht, sie arbeiten in Werkstätten und haben einen reglementierten Alltag.


Die neuen Bewohner blühen auf


Bei Johanna und David, die ebenfalls ein Down-Syndrom haben, wurde über die Anträge noch nicht entschieden. Beide wohnen probeweise in dem Haus. Cornelia Regele erzählt, dass ihre behinderten Mitbewohner in den vergangenen Wochen regelrecht aufgeblüht seien. „Sie sprechen viel mehr, äußern ihre eigene Meinung und treffen Entscheidungen“, sagt die 22-jährige angehende Heilerzieherin. Wenn Fragen auftreten, für die sie selbst Hilfe benötigt, ist täglich eine pädagogische Fachkraft in der WG verfügbar.

Auch die Eltern von Ben, Johanna oder David kommen regelmäßig zu Besuch. „Die Bindung in der Familie ist riesig“, sagt Käding. Freilich gibt es aus seiner Sicht noch große Defizite bei Arbeitsangeboten für Menschen mit Handicap. In Behinderten-Werkstätten erhielten viele Angestellte, die zumeist staatliche Leistungen für das Wohnen erhalten, nur wenige hundert Euro im Monat, gleichzeitig würden aber hohe Umsätze erzielt. „Das erinnert stark an Ausbeutung“, sagt der Vereinsvorsitzende. So habe die 23-jährige Johanna mehrfach ihren Wunsch geäußert, im Restaurant zu arbeiten, erhalte aber keine Chance in diesem Bereich.

Die „Manufaktur Einzelfallhilfe“, wo bereits 50 Mitarbeiter in verschiedenen Projekten beschäftigt sind, will in einigen Jahren selbst sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schaffen. Vorerst sind zwei weitere Inklusions-WGs in Potsdam und Berlin geplant. „Wir wollen Berührungsängste in der Gesellschaft abbauen“ betont Käding.

Traurige Begebenheiten erleben die WG-Assistenten immer wieder. Neulich wurde Meyer von einer Seniorin im Supermarkt angesprochen. Sie habe mit dem Kopf auf Ben gedeutet und gesagt, es sei traurig, dass es solche Menschen gebe. „Das war ein Schock für mich“, sagt der 20-Jährige. Auch aus Sicht des Landesbehindertenbeauftragten Jürgen Dusel ist der Weg zur Inklusion noch weit. „Menschen mit Behinderung werden vielfach als Belastung wahrgenommen, nicht als Bereicherung der Gesellschaft. Wir müssen irgendwann die Barrieren aus den Köpfen bekommen.“

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