Prozess gestartet : Ein Landwirt läuft Amok

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Der Fall des Landwirts beschäftigte die Behörden schon lange: Z. war mit der Haltung seiner gut 30 Rinder völlig überfordert. Das Veterinäramt stellte immer wieder Mängel fest.

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12. August 2015, 08:00 Uhr

Der Angeklagte wird im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben, sein Gesicht ist fahl, die müden Augen starren ins Publikum. Dort erkennt Wilfried Z. seine Schwester, die mit den Tränen kämpft, doch er winkt nur zaghaft. Seine Lippen formen einen schmalen Strich. Ein Prozess beginnt, der den 72-Jährigen womöglich bis zum Lebensende ins Gefängnis bringt. Der Fall des Landwirts beschäftigte die Behörden schon lange: Z. war mit der Haltung seiner gut 30 Rinder völlig überfordert. Das Veterinäramt stellte immer wieder Mängel fest. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme – Herz und Niere des Angeklagten funktionierten nicht mehr richtig. Nach dem Tod seiner Mutter in den 90er-Jahren wohnte er allein auf dem Grundstück.

In dem maroden Landwirtschaftsbetrieb hatten die Rinder zuletzt kaum Futter und Wasser, wie aus Protokollen der Behörde hervorgeht, die zum Prozessauftakt verlesen wurden. Für die Tiere habe zudem durch Schrott, Stacheldraht und Bauschutt auf dem Anwesen eine Verletzungsgefahr bestanden. In einer zugemüllten Scheune standen die Kühe „bis zum Bauche in Gülle und Mist“.

Immer wieder büxten sie aus und wurden auf benachbarten Grundstücken in der Nachbarschaft und sogar entlang der ICE-Trasse nach Hannover gesichtet. Nach einigen Zugeständnissen schritt das Veterinäramt des Kreises Havelland zur Tat: Es erteilte klare Auflagen, der Bestand sollte auf fünf Rinder reduziert werden. Doch Wilfried Z. akzeptierte die Bescheide nicht. Er fühlte sich als Opfer staatlicher Willkür.

Am 20. Januar dieses Jahres dann rückte ein Viehtransporter an. „Die Zustände hatten sich dort verschlimmert, es gab ständig Anzeigen von Nachbarn und Ordnungsamt“, berichtet die Amtstierärztin Dörte Wernicke vor Gericht, die zusammen mit zwei Kollegen die Tiere beschlagnahmen wollte. Sorgfältig habe man diese Maßnahme abgewogen. Im Vorfeld sei auch der sozialpsychiatrische Dienst kontaktiert worden. „Es ist immer eine belastende Situation, wenn Tiere weggenommen werden. Manche Halter tun sich was an“, sagt die Zeugin.


Verurteilung wegen Totschlags sei hoch


Als die Veterinärin vom Vorsitzenden Richter Frank Tiemann zur eigentlichen Tat befragt wird, versagt ihr die Stimme. Nie habe man Z. zugetraut, dass er mit Gewalt reagiert, sagt Börnicke und weint. „Sonst hätten wir die Polizei hinzugezogen.“ Doch nachdem die Situation unter Kontrolle schien, gipfelte ein kurzer Streit in einem blutigen Drama. Der Angeklagte holte eine Schrotflinte aus der Waschküche, laut Anklage mit zwei Patronen vom Kaliber 16 geladen. Eine dritte Patrone steckte er in die Hosentasche.

Ohne Vorwarnung habe er gefeuert, schildert die Augenzeugin. Ihr Kollege Franz M. sei getroffen worden und habe geschrien. Die Amtstierärztin lief mit einer weiteren Kollegin vom Grundstück. Sie versteckten sich hinter einer Bushaltestelle an der Straße. M. habe sie nicht helfen können, da der Angeklagte weiterhin mit dem Gewehr über den Hof lief. „Er drohte, dass er noch mal schießt“, so die Zeugin. Nach den Aussagen des Gerichtsmediziners hatten Schrotkugeln die innere Organe von Franz M.zerfetzt, er verblutete vor Ort.

Die Version des Landwirts hört sich zuvor ganz anders an. Es sei ein Unfall gewesen, beteuert der Angeklagte in seiner Einlassung. Die Waffe, die angeblich die Russen bei ihm auf dem Hof zurückgelassen hatten, habe er geholt, da er sich „Räubern und Banditen“ ausgeliefert wähnte. Als er über einen Stein auf dem Hof stolperte, habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. „Ich wollte die einfach nur vertreiben.“ Der Angeklagte erklärt darüber hinaus, dass seine Familie schon einmal enteignet worden sei – zur Zeit der Zwangskollektivierung hätten „Kommunisten“ sieben Rinder und zwei Pferde abgeholt.

Doch auf Nachfragen des Richters verstrickt sich Wilfried Z. in Widersprüche. Tiemann wertet die Aussagen schließlich als „völlig unglaubhaft“. Eine Verurteilung wegen Totschlags sei daher hoch, deutet der Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer an. Verteidiger Thomas Arndt erklärt, sein Mandant verkenne die Realität und sei zum Tatzeitpunkt verwirrt gewesen. „Es gibt Hinweise auf verminderte Schuldfähigkeit.“ Der Prozess wird Montag fortgesetzt.

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