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Altersmedizin : Ein Arzt für die Alten

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Templiner Modellpraxis erprobt, wie betagte Patienten besser versorgt werden können

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2014 | 13:18 Uhr

In der Gesundheitspolitik spielt Altersmedizin mittlerweile eine zentrale Rolle. Denn fast jeder vierte Brandenburger wird bald über 65 Jahre alt sein. Im uckermärkischen Templin wird in einer Modellpraxis erprobt, wie die Versorgung besser funktionieren kann. Viele Patienten von Reinhold Schrambke gehen gebeugt, sie sind gezeichnet vom Leben, von Krankheiten und von der Sorge, was die letzten Jahre noch für sie bereithalten. Und sie kommen voller Hoffnung, dass ihnen ein Arzt helfen kann – ohne nur das nächste Rezept zu unterschreiben. Schrambke, 71, ist selbst im Seniorenalter.

„Ich habe einen großen Vorteil: Ich kann mitreden bei den Problemen der Alten“, sagt der Allgemeinmediziner halb im Scherz. Er sitzt in einem kleinen Sprechzimmer des Templiner Krankenhauses. Eine Liege steht in der Ecke, ein paar Gerätschaften sind vorhanden, aber das Wichtigste ist ein Computer, in den Schwester Anke Buschke vielerlei Daten eintippt. Schrambke und seine vier Kollegen erheben zuerst einmal den „Ist-Zustand“ der Patienten. Sie prüfen die Mobilität, geistige Fähigkeiten und Stimmungslage, Arzneimittel, Pflegestufe, medizinische Versorgung, das soziale Umfeld sowie die Wohnverhältnisse. Fünf Seiten umfasst dieser Katalog. „Am Ende ergibt sich ein genaues Bild, viel exakter als bislang“, sagt Schrambke.

Am Ende eines Tages werden diese Fälle zwischen den Ärzten besprochen, 20 Minuten nehmen sie sich Zeit, um für jeden Patienten eine Art Kompass zu finden. In drei Wochen werden diese dann intensiv von Physio- und Ergotherapeuten sowie Experten für Hirnleistungstraining ambulant betreut. Um die Termine kümmert sich Praxismanagerin Buschke. „Das ist für die Leute wie eine kleine Kur“, sagt sie.

Im Grunde genommen kommt die Praxis, die von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) betrieben und kürzlich nach einer Pilotphase offiziell eröffnet wurde, medizinischen Idealbildern sehr nahe. „Wir haben Zeit, Geduld und offene Ohren für die Patienten. Das fehlt woanders, weil die Kollegen von Richtlinien aufgerieben werden“, sagt Schrambke. Die Feststellung der Altersdemenz spielt dabei eine zentrale Rolle. „Wir messen Zucker, Cholesterin, aber viel zu selten die geistige und seelische Fitness“, meint der ärztliche Leiter.

Viele ältere Brandenburger seien jahrelang nicht beim Doktor gewesen, berichtet Schrambke. Nur ein Fünftel der Senioren würde intensiv behandelt. Nicht wenige suchten Ärzte auf, um Ablenkung zu haben. „Wir bekämpfen zuerst einmal die Einsamkeit und Depressionen. Erst danach kommen Gelenkbeschwerden und andere Leiden.“

Schrambke selbst hat nach dem Ausstieg aus der eigenen Praxis, die „glücklicherweise“, wie er sagt, sein Sohn übernahm, neue Herausforderungen gesucht. Nach knapp vier Jahrzehnten als Allgemeinmediziner in Groß Schönebeck hätte er einfach aufhören können. „Aber ich habe noch Kraft für den Beruf.“

Ohnehin ist es schwer, Ärzte wie ihn zu ersetzen. Aktuell sind laut KV knapp 270 Vertragsärzte in Brandenburg über 65 Jahre alt, davon allein 165 Hausärzte. Mediziner werden in ländlichen Gebieten langsam rar. Schon kommen erste Stimmen aus der Gesundheitsbranche, nach denen Zulassungen nur auf Zeit vergeben werden sollen, um die Verteilung der Arztsitze anders zu regulieren. Experten rechnen, dass in den nächsten zehn Jahren in manchen Bundesländern rund die Hälfte der Hausärzte in Rente geht. Nachfolger stehen kaum bereit, da der Job auf dem Land nicht attraktiv genug erscheint. Mittlerweile öffnen hochbetagte Mediziner noch ihre Praxis – im anhaltinischen Jessen etwa ist eine Ärztin bereits 86 Jahre alt. Schrambke kennt einen 92-jährigen Apotheker in Bad Liebenwerda, der selbst nachts in seinem Laden schläft. „Diese umstrittenen Fälle sind aber eine Ausnahme“, sagt Schrambke. „Man muss loslassen können.“ Ohnehin kenne er viele Kollegen, die lieber sofort aufhören würden, da sie der Ärger mit den Krankenkassen zermürbt. Dies koste letztlich wertvolle Zeit für die Patienten.

Geriatrische Einrichtungen, die sich fachübergreifend um kranke Menschen kümmern, bieten aus seiner Sicht große Anreize für jüngere Kollegen. Hier könnten neue Versorgungskonzepte entwickelt werden, betont Schrambke, der Ärztevereinigungen zur Altersmedizin berät sowie Fortbildungen organisiert. „Wir stehen vor gesellschaftlichen Veränderungen; die Medizin muss sich anpassen.“

Mit der Forderung nach neuen Strukturen stößt er jedoch auf Widerstände. Es gibt Barrieren zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken, dagegen funktioniert die KV-Praxis als Bindeglied. Schrambke beugt sich vor und blickt über die Brille: „Uns weht noch Wind entgegen, andere fürchten Konkurrenz. Dabei wollen wir das Optimum für die Patienten.“ Das kommt an bei älteren Patienten in der Uckermark. Rund 100 Senioren wurden bereits während der Pilotphase in der Praxis behandelt, es gibt eine lange Warteliste.

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