Stahnsdorf : Dieser Friedhof setzt Trends

Das Grab der Kaufmannsfamilie Julius Wissinger,  errichtet 1922/23, von Max Taut gehört zu den sehenswerten Gräbern.
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Das Grab der Kaufmannsfamilie Julius Wissinger, errichtet 1922/23, von Max Taut gehört zu den sehenswerten Gräbern.

Erst Pate, dann Bestattung in der Gruft – Stahnsdorf ist Museum und aktuelle Begräbnisstätte zugleich

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10. November 2014, 11:52 Uhr

Mausoleum zu vermieten. Nun ja, nicht ganz. Patenschaft heißt das dezent auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf zwischen Potsdam und Berlin. 25 Jahre nach dem Mauerfall hat dieses lange vergessene Grandhotel unter den letzten Ruhestätten nichts von seinem geheimnisvoll-morbidem Charme verloren.

Und doch geht der Friedhof mit der Zeit. Es gibt eine App für den Rundgang zu den bedeutendsten Gräbern bis hin zu Max Tauts expressionistischer Version aus den 20er Jahren. Öko ist alles von Natur aus. Und der neue Trend „Teilen statt Besitzen“ gilt hier für die Ewigkeit. Paten können ein herrschaftliches Mausoleum pflegen und sich später in der Gruft bestatten lassen - neben den einstigen Erbauern.

Wer mit Kirchhofsverwalter Olaf Ihlefeldt zum Rundgang aufbricht, wird staunen. Nicht nur darüber, dass die Verwaltung in einem Bauhaus-Gebäude wie aus dem Museumskatalog sitzt. Auch die Trauerkapelle überrascht in Gestalt einer norwegischen Stabholzkirche.

Viele Grabsteine bezeugen, dass das hier zwischen 1909, als der wachsende Berliner Südwesten seine Toten ins Umland auslagerte, und dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein „place to be“ gewesen sein muss. Der Zeichner Heinrich Zille liegt hier, der Komponist Engelbert Humperdinck, der Maler Lovis Corinth, der Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau.

Von 1945 an erschwerte die deutsche Teilung den West-Berlinern Besuche auf „ihrem“ Friedhof, der Mauerbau 1961 machte die Trennung endgültig. Und nach dem Mauerfall galt das erste Interesse nicht unbedingt Friedhöfen. Heute ist der größte Charme des Südwestkirchhofs, dass die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Der Stamm eines Ahorns hat in aller Ruhe eine Sitzbank aus den 20er Jahren durchwachsen. Neben den prächtigen Mausoleen der Gutbetuchten mit Mosaikkuppeln und Tempelsäulen aus der Vorkriegszeit gibt es Armengräber und Kriegsgräber - wie ein Spiegel von Geschichte und Gesellschaft.

Der Friedhof der Evangelischen Kirche steht bis heute allen Religionen offen. Und allen, die keine haben. Die mangelnde Pflege zu DDR-Zeiten hat tiefe Spuren hinterlassen. Aus dieser Not ist heute eine Tugend geworden: ein wildromantischer Friedhof, Natur- und Landschaftsdenkmal zugleich, 206 Hektar groß. Das Problem ist nur: Zu wenige Menschen nutzen ihn. 800 bis 1000 Beerdigungen gibt es im Jahr, berichtet Ihlefeldt. 3000 wären nötig, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Trotz aller Anstrengungen bis hin zur Kulturnacht bleibt der Friedhof ein Zuschussgeschäft.

Da braucht es Ideen. Neben dem Paten-Modell für Grabstätten, die Familien ihrer Erbauer nicht mehr pflegen oder nutzen, gibt es hier auch Bestattungen unter Bäumen. Die Urne an Baumwurzeln kam mit der Naturbestattung „Friedwald“ in Mode, hier geht es ohne Marke.

Doch alle neuen Möglichkeiten nutzten wenig, wenn der Tod weiterhin so aus dem Leben verdrängt werde wie heute, sagt Ihlefeldt. „Viele Menschen sind mit dem Thema komplett überfordert. Sie wissen nicht, was ihre Eltern für eine Beerdigung wollten, weil nie darüber gesprochen wurde.“

Ihlefeldt glaubt, dass die geringere Bindung zu Religionen etwas mit dieser wachsenden Hilfslosigkeit zu tun hat. Aber auch die Werbung für ein gesundes und fittes Leben bis ins hohe Alter, in der das unweigerliche Ende nicht vorkommt. Die Gesellschaft sei einfach schnelllebiger geworden, rastloser, mit vielen Ortswechseln im Leben, urteilt Ihlefeldt. Der Platz für die letzte Ruhe könne da schnell aus den Augen geraten.

Dazu kommt ein praktischer Aspekt. Die „Grabpflege-Generation“ der heute 60- bis 75-Jährigen macht Friedhofsverwaltern gerade klar, dass sie ihren Kindern den Aufwand nicht mehr zumuten will: pflanzen, harken, kümmern. Gefragt ist Ungezwungenheit und Natur statt abgezirkelte Parzellen. Gern bescheiden.

Auch die Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg spürt das Bedürfnis nach dem pflegeleichten letzten Haus, Ruhegemeinschaften für 20 bis 30 Urnen zum Beispiel. „Der Trend zur kostengünstigen anonymen Bestattung ohne Trauerfeier stagniert oder geht zurück“, sagt Sprecher Fabian Lenzen. Heute sei die Urnenwiese ohne Namen nicht mehr so gefragt.

Mit dem Kulturprogramm auf dem Friedhof will Ihlefeldt das Sterben zurück ins Leben holen. Er hat nichts dagegen, wenn Besucher im Sommer auf den Wiesen picknicken oder Jugendliche auf dem Waldboden am Grab ihrer Freunde sitzen und Gitarre spielen. „Es geht hier nicht um Tanz auf Gräbern“, stellt er klar. Aber in dem Moment, wo Emotionen durch Trauer wach würden, veränderten sich Bedürfnisse. „Wir suchen Orte für Trauer.“ Eine Kerze im Internet reiche dann selten.

Ihlefeldt spricht mit Senioren, die sagen: „Verscharrt mich doch irgendwo. Da kommt sowieso keiner mehr.“ Und dann seien die Wiesen über den anonymen Urnengräbern doch immer wieder mit Blumen übersät. Der Friedhof hat reagiert: Es gibt jetzt nur noch Beerdigungen mit Namen. Viele Besucher sind heute Touristen.

Oder aber ungebetene Gäste. Metalldiebe haben ganze Kupferdächer von Mausoleen abgeschraubt und sogar eingedübelte Metallbuchstaben von den Grabplatten gestohlen - ein Schaden von insgesamt über 140 000 Euro.

Ihlefeldt lässt das wütend zurück. Denn die Diebstähle machen nicht nur viele Restaurierungsbemühungen nach dem Mauerfall zunichte. Sie werfen auch die Frage auf, was Friedhöfe und der Tod der Gesellschaft bedeuten.

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