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Gerichtsprozess : „Die Stimme ist mir mehr als vertraut“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Unternehmer sagt im Prozess um den Maskenmann aus. Wurde er wirklich verschleppt?

Rund 33 Stunden ist er in der Gewalt des Täters. Erinnern kann sich Stefan T. anderthalb Jahre nach seiner Entführung an jedes Detail. Und so zitiert er im Gerichtssaal 007 immer wieder den Täter: „Es geht um Geld, sofort auf den Boden“, soll der Mann mit der Maske den Unternehmer, seine Ehefrau und den damals zehnjährigen Sohn bedroht haben. Als er eine halbvolle Weinflasche nach ihm wirft, schießt der Eindringling in der Storkower Villa in die Decke.

Seit Beginn des Prozesses steht hinter der Entführung ein großes Fragezeichen. Zum einen geht es um die umstrittene Ermittlungsarbeit der Polizei. Zum anderen um das vermeintliche Opfer. Es gibt einige Widersprüche.

Was einige Polizeibeamte aber überrascht und gleichzeitig misstrauisch macht, ist das Auftreten und das Agieren des vermeidlichen Opfers. Und so stellt sich die Frage, ist der Mann ein grandioser Schauspieler oder war die Entführung ein so einprägendes Erlebnis im Leben des Unternehmers, dass sich Szene für Szene fotografisch in seinem Gedächtnis eingebrannt hat?

Die Erinnerungen von Stefan T. reichen so weit, dass er im Gerichtsaal die Stimme des Täters imitiert. Er ist sich ganz sicher, dass sie Stimme zu dem Angeklagten passt. „Sie ist mir mehr als vertraut.“

Dem Vorsitzenden Richter Matthias Fuchs gelingt es, einige Unstimmigkeiten an der Entführung auszuräumen. So fragten sich die Ermittler lange Zeit, warum der Täter ausgerechnet den starken Mann und nicht das hilflose Kind oder die schwache Frau aus dem Haus mitgenommen hat. Stefan T. will seinen Peiniger in der ersten Nacht dazu befragt haben und erhielt die Antwort: „Das Kind könnte Schaden nehmen und Frauen sind zu irrational.“

Überhaupt kommt es in diesen 33 Stunden immer wieder zu Wortwechseln zwischen Täter und Opfer. Noch auf der Fahrt zu den beiden Schilfinseln im Storkower See soll der Entführer gesagt haben: „Wenn das hier schiefgeht, bekomme ich lebenslänglich.“

Stefan T. schießt aus dieser Aussage, dass der Mann im Boot ein Krimineller mit Vorgeschichte ist. Eine Vorstellung, die ihm noch mehr Angst macht.

Eine Nacht nach der Entführung muss Stefan T. mehrere Briefe schreiben, um die Geldübergabe zu organisieren. Es geht um eine Million Euro. So hoch ist das Vermögen von Stephan T.

Bevor der Täter mit den Briefen aufbricht, verschnürt er Stefan T. zu einem festen Paket. T. gelingt es, die Fesseln zu lösen. Die letzten Meter seiner Flucht gehören zu einem der großen Fragezeichen. Gerichtsmediziner Harald Voß schreibt in seinem Gutachten, dass sich das Opfer bei der Flucht durch einen Sumpf hätte verletzten müssen. Aber Stefan T. hat nur einige oberflächliche Kratzer – die von der Polizei nicht dokumentiert werden.

Genau so wenig gibt es offiziell Bilder von den Abdrücken des Klebebands. Solche Aufnahmen legt Stefan T. am Donnerstag dem Vorsitzenden Richter vor. Sie stammen von seinem Urlaub auf Mallorca, den er unmittelbar nach der Entführung mit Erlaubnis der Polizeiführung antreten durfte. Die Vernehmungen mussten zum Verdruss einiger Ermittler sehr lange warten.

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