Tochter mit Desinfektionsmittel vergiftet: : „Die Milch roch säuerlich“

Gerd S. soll seiner Tochter einen Gift-Cocktail verabreicht haben.
Gerd S. soll seiner Tochter einen Gift-Cocktail verabreicht haben.

Bis zum fünften Prozesstag im Fall Gerd S. machten etwa ein Dutzend Mediziner und Pflegekräfte ihre Aussagen vor dem Potsdamer Landgericht. Auch Schwestern des Helios-Klinikums berichten von Begegnungen mit dem Vater vergiftet haben soll.

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27. März 2015, 07:59 Uhr

Gerd S. kommt in der immer selben Kleidung. Khakifarbene Hose, eierschalenfarbenes Sweatshirt. Auch gestern wieder. Nur diesmal wirkt er ruhiger. Am Montag noch musste ihn der Vorsitzende Richter Frank Tiemann während der Verhandlung ermahnen. „Stimmt nicht“, rief Gerd S. da, als Kinderkrankenschwester Ulrike B. ihre Aussage machte. Im Zeugenstand berichtete sie, der Angeklagte habe ihre Kollegen im Helios-Klinikum in Brandenburg/Havel nach Seife gefragt. Dorthin kam Emelie für eine Reha-Maßnahme, nachdem ihr im Krankenhaus Neumünster niemand helfen konnte. Ein anderes Mal kam er mit zwei Babyflaschen, die für Emelie bestimmt waren, ins Schwesternzimmer gelaufen, weil die Milch darin geflockt wäre. Gerd S. schien anderer Meinung. Doch Richter Tiemann griff durch. „Ich habe Ihnen das schon mal gesagt“, rief er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Sie beeinflussen die Zeugin.“

Sabine R. erzählt gestern von derselben Begebenheit im Juni 2014. Ihr fiel der säuerliche Geruch der Milch auf, sie konnte sich aber nicht erklären, wodurch er verursacht wurde. „Wir konnten ausschließen, dass es an verdorbenem Milchpulver oder am Wasserkocher lag“, sagt die Erzieherin. Wollte Gerd S. von etwas ablenken? Ein weiteres Mal bat er die Schwestern um zwei Sondierungsspritzen. Er habe diese auf Bitte des Städtischen Krankenhauses in Brandenburg/Havel), in das Emelie kurzzeitig verlegt wurde, mitbringen sollen. Im Krankenhaus wussten die Kollegen nichts davon. Sabine R. kommt gegen Ende ihrer Aussage zu dem Schluss: „Wenn der Vater abgereist war, ging es Emelie besser. Das konnte man nach mehrmaligem Aufenthalt feststellen.“

Details wie diese spielen in dem Indizienprozess eine entscheidende Rolle. Immerhin wird dem 37-Jährigen vorgeworfen, seine damals acht Monate alte Tochter in zwölf Fällen vergiftet zu haben. Auch als Emelie bereits im Krankenhaus lag, sich immer wieder erbrach, über eine Magensonde ernährt wurde, sogar ins Koma fiel, soll er ihr Desinfektionsmittel, zitronensäurehaltige Flüssigkeiten und Seife verabreicht haben. Grund dafür soll eine neue Partnerschaft gewesen sein.

Doch immer wieder fällt während des Prozesses ein anderer Verdacht und der Begriff „Münchhausen-Proxy-Syndrom“. Eine Störung, bei der häufig Eltern Erkrankungen ihrer Kinder erfinden oder herbeiführen und eine medizinische Behandlung fordern. Ausgegangen war dieser Verdacht Anfang Juni von den Mitarbeitern des Krankenhauses in Neumünster, die Schwestern und Ärzte der Helios-Klinik warnten: Zunächst sollte genauer auf die Mutter-Kind-Interaktion geachtet werden. Die Mutter wird mehrfach als emotionslos im Umgang mit ihrer Tochter beschrieben. „Als es Emelie wieder schlechter ging und sie apathisch im Bett lag, wirkte die Mutter sehr teilnahmslos. Das kam mir komisch vor“, sagt Ulrike B. Doch wenig später fiel der Verdacht auf den Vater, der meist am Wochenende mit Sohn Finn ins Krankenhaus kam.

„Ich kann nur sagen, wenn der Vater da war, ging es dem Kind drastisch schlechter“, sagt Ulrike B. Die Kinderkrankenschwester berichtet vom Mittwoch, 24. Juni 2014. „Da ging es Emelie seit einigen Tage wieder besser“, sagt die 34-Jährige. Bereits am Folgetag verschlechterte sich ihr Zustand. „Die Kollegen fragten sich untereinander etwas zynisch, ob der Vater wieder da ist. Und ja, er war am Abend zuvor angereist“, sagt Ulrike B.

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