27 Meter lang, zwei meter hoch : Die Mauer steht wieder

Mauer zwischen Freiheit 48 (Erbauer) und Freiheit 49 in Stolpe-Süd, nur zirka 15 Meter entfernt von der früheren Grenze und Mauer.
Mauer zwischen Freiheit 48 (Erbauer) und Freiheit 49 in Stolpe-Süd, nur zirka 15 Meter entfernt von der früheren Grenze und Mauer.

Erst war es eine britische Fliegerbomber, die für Aufregung im beschaulichen Ortsteil Stolpe-Süd sorgte. Knapp zwei Wochen später erhitzt eine Mauer die Gemüter. Und beides spielt(e) sich auf demselben Grundstück ab.

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05. August 2015, 10:00 Uhr

Erst war es eine britische Fliegerbomber, die für Aufregung im beschaulichen Ortsteil Stolpe-Süd sorgte. Knapp zwei Wochen später erhitzt eine Mauer die Gemüter. Und beides spielt(e) sich auf demselben Grundstück ab.

Doch gab es das Haus Freiheit 50 zu DDR-Zeiten gar nicht. Über das Grundstück verlief ein kleiner Teil des hässlichsten und gefährlichsten sozialistischen Bauwerks: die Berliner Mauer. Dass sich Zeit und Aussicht geändert haben, dem verdanken Anita und Michael Hebel nicht nur ihr neues Zuhause, sondern einen fantastischen Ausblick. Das aus dem einstigen Westberlin zugezogene Ehepaar wohnt in der Freiheit 49 und liebt den Blick vom Balkon über den Garten hinein in den Wald. Die Mauer ist Geschichte. Jedenfalls die gen Westen.

Wenn Anita Hebel jedoch von ihrem Sofaplatz durchs Fenster schaut oder sich ihr Mann über die Balkonbrüstung gen Nordosten beugt, meinen die Hebels, ein Deja-vu zu haben. Am Wochenende nach der Bombenentschärfung und damit nur wenige Wochen vor dem 54. Jahrestag des Mauerbaus haben nämlich die östlich der Hebels wohnenden Grundstücksbesitzer ihren westlich gelegenen Nachbarn eine neue Mauer vor die Nase gesetzt. Die ist zwar nicht ganz so hoch wie ihr historischer Vorgänger, lässt aber von der Optik her an das frühere, keine 20 Meter entfernte Original denken.

Michael Hebel hat genau nachgemessen. Das ist möglich, denn die neue Mauer ist weniger scharf, eigentlich gar nicht gesichert. Und Soldaten patrouillieren auch nicht. „Die Mauer ist zirka 27 Meter lang, sie besteht aus 13 Segmenten. Die Höhe reicht von 1,86 Meter bis zwei Meter“, stellte der Nachbar fest. Übrigens sind die Hebels nur eine von sechs Mietparteien, die sich mit den neuen Aussichten herumplagen müssen. „Ich fühle mich durch diese Mauer bedrückt“, hat auch eine Nachbarin den Hebels erzählt.

Zu den Häuslebesitzern, die offensichtlich noch nicht auf Dauer in ihrem neuen Eigenheim wohnen, haben die Hebels bislang keinen Kontakt gehabt. Und die Maurer, die die Wand hochzogen, seien der deutschen Sprache nicht mächtig gewesen. Auch die für sie zuständige Hausverwaltung konnten die Hebels nicht erreichen. Was also tun gegen das „grobschlächtige und plumpe Bauwerk aus Beton, das zur Attraktion für Nostalgiker werden dürfte, die die Berliner Mauer wieder auferstehen lassen wollen?“, fragen sie beim Generalanzeiger nach.

Ronny Wappler weiß, was zu tun ist. Der Sprecher des Landratsamts Oberhavel hat nämlich von seinen Kollegen von der Bauaufsicht erfahren, dass für alles, was höher als 1,5 Meter gebaut wird, eine Baugenehmigung gestellt werden muss. „Uns liegt aber für die gesamte Straße Freiheit kein Bauantrag vor“, sagt er und fügt hinzu: „Wir werden uns die Mauer bei einem Vor-Ort-Termin anschauen und alle notwendigen Schritte einleiten.“ Die können im Ernstfall bis zum Abriss reichen.

Die Mauer-Bauer haben es übrigens auch versäumt, die Besitzer des Nachbarhauses über ihr Vorhaben zu informieren und deren Einverständnis einzuholen. Da der Hausbesitzer in Schorfheide (Barnim) wohnt, erfuhr er erst durch den Generalanzeiger von dem Ungetüm. „Im Ernstfall müssen die das wieder wegmachen. Wenn es sein muss, schlage ich dafür auch den Rechtsweg ein“, kündigte Amer Goris-Kelash an. „Alles, was meine Mieter stört, stört mich auch“, fügte er hinzu. Eigentlich reicht es schon, wenn er sich in der eigenen Familie umhört. Seine Frau und Miteigentümerin der Freiheit 49 hat für die Mauer nur ein Wort: „Hässlich!“

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